Gernot Gricksch — Ghetto bitch

Gernot Gricksch Ghetto bitch23.Juni 2016

Der deut­sche Autor Ger­not Gricksch hat mit “Ghet­to Bitch” ein inter­es­san­tes Buch geschrie­ben, das sogleich durch sein pep­pi­ges Cover auf­fällt. Das ers­te Jugend­buch des Autors, der sonst eher für jün­ge­re Kin­der oder Erwach­se­ne schreibt. Eine Geschich­te über plötz­li­che Armut, das Leben in einer Hoch­haus­sied­lung und Kli­schees von Armen und Rei­chen, die auf­ein­an­der­tref­fen. Cool, unter­halt­sam und sehr flüs­sig zu lesen. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 15-jäh­ri­ge Nele führt ein Leben, wie man es sich nur wün­schen kann: sie ist reich, beliebt und mit dem cools­ten Jun­gen der Schu­le zusam­men, für den all ihre Mit­schü­le­rin­nen schwär­men. Ihre Mut­ter ist zugleich wie eine gute Freun­din und sie bewegt sich in den bes­ten Krei­sen. Erst neu­lich war sie auf einem Kon­zert von Lisa T. ali­as Ghet­to Bitch, der bes­ten Rap­pe­rin Deutsch­lands. Doch dann stirbt Neles Vater bei einem Auto­un­fall und hin­ter­lässt der Fami­lie nichts als Schul­den. Er, der bekann­te Archi­tekt, der durch ganz Deutsch­land reis­te, war schon seit zwei Jah­ren mit sei­ner eige­nen Fir­ma im Minus und hat­te der Fami­lie nichts davon gesagt! Jetzt muss Hen­ri­et­te, Neles Mut­ter, Pri­vat­in­sol­venz anmel­den und nicht ein­mal die Gernot Gricksch Ghetto bitchLebens­ver­si­che­rung will zah­len. Angeb­lich war der Auto­un­fall kein Unfall, son­dern Selbst­mord und der Vater habe es nur so aus­se­hen las­sen, damit sei­ne Fami­lie gut ver­sorgt ist. Die Vil­la wird nun gepfän­det wer­den und sie müs­sen sich eine neue Blei­be suchen. Und nicht nur das: “Was heißt das? ALG II?!” “Arbeits­lo­sen­geld 2”, flüs­ter­te Hen­ri­et­te. “Bes­ser bekannt als Hartz IV.” “Was?!” Jetzt über­schlug sich Neles Stim­me. “Das ist doch Bull­shit! Leu­te wie wir krie­gen doch kein Hartz IV!” […] Nele sprang auf und rann­te aus der Küche. Das konn­te doch nicht wahr sein!” (Zitat S.45ff) Aber es ist wahr. Genau­so wahr, wie die Plat­ten­haus­sied­lung im Ham­bur­ger Stadt­teil Steils­hoop, in die sie nun zie­hen müs­sen. Um vor ihren Freun­den nicht das Gesicht zu ver­lie­ren, tischen Nele und ihre Mut­ter allen eine erfun­de­ne Geschich­te auf: sie zie­hen nach New York für ein Jahr. Des­halb müs­sen sie auch ihr Haus “ver­kau­fen”. Nele bricht alle Bezie­hun­gen zu ihren bis­he­ri­gen Freun­den ab, auch mit ihrem Freund Dani­el macht sie indi­rekt Schluss, obwohl es ihr das Herz bricht. Denn viel­leicht zahlt die Lebens­ver­si­che­rung ja doch noch und sie kön­nen wie­der zurück? Doch bis dahin ist erst mal All­tag im neu­en Woh­nungs­um­feld ange­sagt. Und Nele schafft es in jedes sozia­le Fett­näpf­chen zu tre­ten. Ihr Bru­der Timo hin­ge­gen, ein Nerd, der ger­ne Metal hört und in der alten Schu­le ein kom­plet­ter Außen­sei­ter war, fin­det über­ra­schend schnell Anschluss. Aber dann lernt Nele den attrak­ti­ven Rick kennen…

Gernot Gricksch Ghetto bitchDer Name “Ghet­to Bitch” passt in dem Roman wie die Faust aufs Auge. Ein­ge­lei­tet durch die berühm­te Rap­pe­rin, Lisa T., ist es Timo, der sei­ne Schwes­ter das ers­te Mal so nennt: Was glaubst du, wie lan­ge du dei­ne Luxus­freun­de behältst, wenn du kein Geld mehr hast, um mit zu Star­bucks zu gehen, und du beim Shop­pen nur noch die Tüten der ande­ren tra­gen darfst? Wenn du nicht in den glei­chen Ver­ei­nen bist und nicht mehr auf die Par­tys ein­ge­la­den wirst, weil du selbst nie wel­che gibst? […] Du bist jetzt ‘ne Ghet­to Bitch, Nele”, ver­kün­de­te Timo und imi­tier­te mit einem grim­mi­gen Grin­sen die Hip­hop-Ges­ten von Lisa T.(Zitat S.54ff) Der Roman wird aus zwei Per­spek­ti­ven in abwech­seln­der Form erzählt: Nele und Timo kom­men hier­bei in der per­so­na­len Erzähl­sicht zu Wort. Die Ein­bli­cke der Geschwis­ter sind höchst unter­schied­lich und lie­fern einen inter­es­san­ten Ein­blick in ihr sich ver­än­dern­des Leben. Trotz Tra­gik schafft es Ger­not Gricksch immer wie­der komi­sche Momen­te in die Geschich­te ein­zu­bau­en, die dem Leser ein Schmun­zeln ins Gesicht locken. Vor allem gelingt es ihm mit Vor­ur­tei­len über Arme und Rei­che auf­zu­räu­men: “Ist eben alles anders hier. Nicht schlech­ter. Nur anders.” “Nicht schlech­ter? Machst du Wit­ze?”, rief Nele. “Das ist alles total RTL2 hier! Alles nur Assis!” “Stimmt doch gar nicht”, pro­tes­tier­te Timo. “Zwei Mäd­chen aus mei­ner Klas­se haben bei Jugend forscht mit­ge­macht. Ein Mäd­chen ist im Jugend­chor von der Staats­oper. […] Man kann mit ganz vie­len Leu­ten hier total nor­mal reden. Die Assis sind nur lau­ter und auf­fäl­li­ger als die ande­ren.” (Zitat S.138) Die Spra­che ist frech, ein­fach und zum Teil jugend­sprach­lich, aber abso­lut pas­send zum Kon­text. Auch Wenig­le­ser — Jungs und Mäd­chen glei­cher­ma­ßen — dürf­ten sich von die­sem Buch schnell mit­ge­ris­sen füh­len! Zum Ende hin wird es rich­tig dra­ma­tisch und span­nend. Etwas gewun­dert hat mich nur, dass die Trau­er um den toten Vater wäh­rend der Geschich­te nicht mehr erwähnt wird.

Gernot Gricksch Ghetto bitchÜbri­gens: für den Roman hat der Dress­ler Ver­lag zusam­men mit der Zeit­schrift BRAVO ein Cas­ting aus­ge­schrie­ben, bei dem ein Mäd­chen gesucht wur­de, das die Haupt­fi­gur in der ver­kürz­ten Ver­si­on von “Ghet­to Bitch” in einer BRAVO Foto-Love-Sto­ry spie­len durf­te. Der Titel lau­te­te hier: “Von der Sky­line zum Bord­stein”. In dem Trai­ler (sie­he unten) hat das Mäd­chen, das gewon­nen hat, eben­falls mit­ge­spielt. Es gibt auch eine eige­ne Web­site zu “Ghet­to Bitch” mit einer Lese­pro­be und einer Umfrage.

Fazit: Auf locke­re Art und Wei­se und mit viel Authen­ti­zi­tät ent­führt Ger­not Gricksch sei­ne Leser in eine Welt, die gar nicht ganz so anders ist, wie man denkt;-)

Die wohl inhalt­lich ähn­lichs­te Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Ghet­to Bitch” ist “Viel Lärm um Lie­be — viel Lie­be um nichts” von Sharon Huss Roat, in der ein Mäd­chen mit ihrer Fami­lie über Nacht von einer Vil­la in ein ärm­li­ches Stadt­vier­tel zie­hen muss. Auch sie ver­sucht dies wie Nele vor den ande­ren geheim zu hal­ten. Mit plötz­li­chen Exis­tenz­pro­ble­men zu kämp­fen haben eben­so die Haupt­per­so­nen in “Jen­na-Bel­le wohnt hier nicht mehr” von Alys­sa Brug­mann und “No place, no home” von Rea­li­ty-Best­sel­ler-Autor Mor­ton Rhue, in wel­chem es eine Fami­lie aus der Mit­tel­schicht sogar bis hin zu einer Art Zelt­stadt für Obdach­lo­se führt. Mit wenig Geld umge­hen, das müs­sen auch die Prot­ago­nis­ten in “Der Pen­ner im Pyja­ma ist mein Papa” von Eli­sa­beth Schmied und in der Neu­auf­la­ge als Taschen­buch “Und wenn schon” von Karen-Suan Fes­sel, die im Novem­ber die­sen Jah­res erschei­nen wird. In letz­te­rem lebt eine Fami­lie von Hartz IV.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Dressler
ISBN: 978-3-7915-0006-5
Erscheinungsdatum: 9.Mai 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€ 
Seitenzahl: 320 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -
Trailer zum Buch:
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Aus­schnitt aus der BRAVOHome­page von Ghet­to Bitch (sie­he oben)

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