Fabio Geda & Marco Magnone — Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglichen

Fabio Geda Marco Magnone Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglichen10.April 2017

Die ita­lie­ni­schen Auto­ren Fabio Geda und Mar­co Magno­ne haben mit “Staub­ge­bo­ren: Die Stadt der Ver­gäng­li­chen” einen dys­to­pi­schen Roman geschrie­ben, der in das West-Ber­lin der 70er ent­führt. Und eine Welt ent­ste­hen lässt, in der sämt­li­che Erwach­se­ne auf­grund einer Virus­er­kran­kung ver­stor­ben sind. Kin­der und Jugend­li­che — ganz auf sich allein gestellt. Ein Buch über den dro­hen­den Tod, über Mut, Zusam­men­halt und vor allem Soli­da­ri­tät. Unter­halt­sam und bewe­gend geschrie­ben. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

1978. West-Ber­lin. Chris­ta, Nora und Brit­ta leben auf der Pfau­en­in­sel in einem Schloss “…in einer Stadt ohne Strom, ohne Men­schen, die sich küm­mern. In einer Stadt, in der seit zwei Jah­ren nichts mehr funk­tio­niert: Sie beginnt zu ver­fal­len, wie in Zeit­lu­pe Stück für Stück.” (Zitat aus “Staub­ge­bo­ren: Die Stadt der Ver­gäng­li­chen” S.38) Dort haben sie sich mit einem Hau­fen ande­rer Mäd­chen — sie nen­nen sich die “Havel­grup­pe” — zusam­men­ge­fun­den, nach­dem das töd­li­che Virus ihnen ihre Eltern und Ange­hö­ri­gen genom­men hat. Vor drei Jah­ren ist es erst­mals auf­ge­tre­ten und auch sie wird es Fabio Geda Marco Magnone Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglicheneines Tages tref­fen: “Das Virus war unbe­re­chen­bar. Zwi­schen dem sieb­zehn­ten und acht­zehn­ten Lebens­jahr konn­te es jeder­zeit aus­bre­chen. Man­che waren schon mit sech­zehn gestor­ben.” (Zitat S.61) Es gibt noch ande­re Grup­pen von Kin­dern und Jugend­li­chen, die sich — seit sie in einer Welt ohne Erwach­se­ne leben — zusam­men­ge­tan haben: die Zoo-Grup­pe, die Gro­pi­us­stadt-Grup­pe, die Reichs­tag-Grup­pe und die Tegel­grup­pe. Letz­te­re hat den Flug­ha­fen Tegel besetzt und gilt als äußerst bru­tal und kom­pro­miss­los. Und es ist aus­ge­rech­net jene Grup­pe, die die stil­le Über­ein­kunft ein­an­der in Ruhe zu las­sen, bricht und den zwei­jäh­ri­gen Theo — Noras klei­nen Nef­fen — ent­führt. Für die Tegel­grup­pe, die den Tod fei­ert, ist Theo ein ganz beson­de­res Kind. Eines, das sie unbe­dingt haben möch­ten: ein “Kind des Todes”. So nen­nen sie “den Nach­wuchs, der von Müt­tern zur Welt gebracht wor­den war, die sich in der Schwan­ger­schaft ange­steckt hat­ten und bei der Geburt gestor­ben waren. Für sie waren die­se Kin­der begehr­te Sam­mel­ob­jek­te, eine Art Zeit­ver­treib.” (Zitat S.22) Doch wie sol­len die weni­gen Mäd­chen allein gegen die gro­ße Tegel­grup­pe ankom­men? Hil­fe ver­spre­chen sich Nora, Chris­ta und Brit­ta von der soli­da­ri­schen Gro­pi­us­grup­pe. Doch als sie Sven, den Anfüh­rer um Unter­stüt­zung bit­ten, lehnt die­ser ab und sie bre­chen allein nach Tegel auf. Bis Jakob — eben­falls Mit­glied der Gro­pi­us­grup­pe — von ihrem Plan erfährt und beschließt ihnen zu hel­fen. Nichts­ah­nend, was für furcht­ba­re Din­ge sie in Tegel erwar­ten wer­den. Denn dort wer­den regel­mä­ßig die “Todes­spie­le” abge­hal­ten und über neue Mit­spie­ler, die zur Teil­nah­me gezwun­gen wer­den, freut sich die Tegel­grup­pe immer…

Fabio Geda Marco Magnone Staubgeboren: Die Stadt der VergänglichenStaub­ge­bo­ren: Die Stadt der Ver­gäng­li­chen” wirkt ein wenig wie “Gone” (von Micha­el Grant, eine Welt ohne Erwach­se­nen) und ein biss­chen wie “Die Tri­bu­te von Panem”, ange­sichts der Todes­spie­le. Neu nicht wirk­lich, aber den­noch irgend­wie fas­zi­nie­rend und inter­es­sant. Die Geschich­te wird von einem all­wis­sen­den Erzäh­ler berich­tet, der sich immer wie­der in ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven hin­ein­ver­setzt. Auch geschicht­li­che Aspek­te wer­den ver­ein­zelt erwähnt: “Der Flug­ha­fen war wäh­rend der Luft­brü­cke benutzt wor­den, über die die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Eng­land und Frank­reich West-Ber­lin Ende der 1940er Jah­re mit Lebens­mit­teln, Medi­ka­men­ten und Holz­koh­le ver­sorgt hat­ten — nach­dem die Sowjet­uni­on sämt­li­che Zufahrts­we­ge blo­ckiert hat­te. Das wuss­te er noch von sei­nem Vater. Bei Aus­bruch der Epi­de­mie hat­te Jakob mona­te­lang dar­auf gewar­tet, dass die Flug­zeu­ge in Tem­pel­hof lan­de­ten. […] Doch es war nie jemand gekom­men.” (Zitat S.68ff) Jedoch schei­nen der kal­te Krieg und der Ost-West-Kon­flikt buch­stäb­lich unwich­tig gewor­den zu sein und es wird lei­der auch nicht erwähnt, ob das Virus auch außer­halb von West-Ber­lin sei­nen Aus­bruch gefun­den hat. Die gele­gent­li­chen Rück­blen­den ein­zel­ner Prot­ago­nis­ten in die Zeit vor dem Virus machen die Geschich­te viel­schich­ti­ger und las­sen ein kom­ple­xe­res Bild der Ereig­nis­se ent­ste­hen. Und trotz der vie­len Per­so­nen kommt man erstaun­lich gut mit. Hilf­reich ist vor allem die gezeich­ne­te Über­sicht zu Beginn und am EndFabio Geda Marco Magnone Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglichene des Buches, auf dem die ein­zel­nen Grup­pen mit ihren wich­tigs­ten Mit­glie­dern und dem Alter dar­ge­stellt wer­den. Die Spra­che ist ein­fach und der Text sehr flüs­sig zu lesen, durch­setzt mit manch schö­nen Bil­dern: “Es gibt Näch­te, da ist der Schlaf so leicht wie der einer Kat­ze. Und es gibt Näch­te, da scheint man in einen tie­fen Brun­nen zu fal­len, wo der Lärm des Lebens nie­mals hin­kommt.” (Zitat S.21) Und doch stellt der Roman, der jetzt nicht über die größ­ten Span­nungs­bö­gen ver­fügt (abge­se­hen vom Ende), unab­läs­sig die gro­ße Fra­ge: wie wol­len wir leben? Nach wel­chen Regeln oder gar (wie die Tegel­grup­pe) ohne das Vor­han­den­sein jener. “Sie war fest davon über­zeugt, dass das Virus für eine neue, fan­tas­ti­sche Ord­nung gesorgt hat­te: Die Welt, in die sie hin­ein­ge­bo­ren waren, die Welt der Erwach­se­nen, war unter­ge­gan­gen. Um eine neue Ära ohne Ver­bo­te und vol­ler Exzes­se, vol­ler Anar­chie anbre­chen zu las­sen.” (Zitat S.64) Das Buch macht nach­denk­lich, ist zugleich aber auch ein Auf­ruf zur Soli­da­ri­tät.

Staub­ge­bo­ren: Die Stadt der Ver­gäng­li­chen” ist übri­gens der ers­te Teil einer Rei­he. Die ande­ren drei Tei­le wur­den aller­dings bis­her noch nicht ins Deut­sche über­setzt.

Bekannt wur­de Fabio Geda vor allem mit dem Roman “Im Meer schwim­men Kro­ko­di­le”, in dem er die waLesealternativenhre Geschich­te eines afgha­ni­schen Jun­gen auf der Flucht erzählt. Ande­re Bücher von ihm sind “Emils wun­der­sa­me Rei­se” und “Der Som­mer am Ende des Jahr­hun­derts”. Eine Welt ohne Erwach­se­ne das fin­dest du in der “Young World”-Rei­he von Chris Weitz, der “Alter­ra”-Rei­he von Maxi­me Chat­tam und der bereits erwähn­ten “Gone”-Rei­he von Micha­el Grant (bril­lant!). Ein Klas­si­ker zum sel­bi­gen The­ma wäre “Der Herr der Flie­gen” von Wil­liam Gol­ding. Ver­früht ster­ben müs­sen auch die Men­schen in der “Land ohne Lili­en”-Rei­he von Lau­ren DeS­te­fa­no. Oder lies die fes­seln­de “Evo­lu­ti­on”-Rei­he von Tho­mas Thie­mey­er, in der sich eben­falls die Natur ihren Platz zurück­holt. Beson­de­re Mut­pro­ben müs­sen die Prot­ago­nis­ten in “Panic: Wer Angst hat, ist raus” von Erfolgs­au­to­rin Lau­ren Oli­ver bestehen. Einen inter­es­san­ten Roman über ein zer­stör­tes Ber­lin in der Zukunft fin­dest du in Nana Rade­ma­chers Buch “Wir waren hier”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ueberreuter
ISBN: 978-3-7641-7067-7
Erscheinungsdatum: 17.Februar 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,95€ 
Seitenzahl: 224 
Übersetzer: Christiane Burkhardt
Originaltitel: "Berlin. I fuochi di Tegel"
Originalverlag: Mondadori 

Italienisches Originalcover:
Fabio Geda Marco Magnone Staubgeboren: Die Stadt der Vergänglichen

Kasimiras Bewertung:

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