Eva Mozes Kor/ Lisa Rojany Buccieri — Ich habe den Todesengel überlebt

Eva Mozes Kor/ Lisa Rojany Buccierei Ich habe den Todesengel überlebt27.Dezember 2014

Ich habe den Todes­en­gel über­lebt” ist ein auto­bio­gra­fi­scher Roman über die aus Rumä­ni­en stam­men­de Eva Mozes Kor, die das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz-Bir­ken­au und die medi­zi­ni­schen Expe­ri­men­te des Dr. Men­ge­le zusam­men mit ihrer Zwil­lings­schwes­ter Miri­am über­leb­te. Für Jugend­li­che geschrie­ben hat die­ses Buch die Auto­rin Lisa Roja­ny Buc­cie­ri. Ein Zeit­do­ku­ment einer schreck­li­chen Ver­gan­gen­heit, eine Erin­ne­rung an die Grau­sam­kei­ten des Holo­causts. Aber gleich­zei­tig auch das Zeug­nis einer unheim­lich star­ken Per­sön­lich­keit, die immer wie­der um ihr Über­le­ben gekämpft hat. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren, die sich mit die­sem wich­ti­gen The­ma der deut­scher Geschich­te auf authen­ti­sche Wei­se aus­ein­an­der­set­zen wol­len und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Sie sind zehn Jah­re alt, als die ein­ei­igen Zwil­lin­ge Eva und Miri­am mit ihren Geschwis­tern und Eltern nach Ausch­witz-Bir­ken­au depor­tiert wer­den. An der Selek­ti­ons­ram­pe wer­den sie getrennt und sehen ihre Eltern und Geschwis­ter nie wie­der. Weil sie Zwil­lin­ge sind, kom­men sie sofort zu Dr. Men­ge­le, der grau­sa­me Expe­ri­men­te an “sei­nen” Kin­dern durch­führt. So auch an Eva und ihrer Schwes­ter Miri­am. Als Eva eines Tages Krank­heits­er­re­ger gespritzt wer­den und sie schwer erkrankt, glaubt Dr. Men­ge­le schon, dass sie bin­nen zwei Wochen ster­ben wird. Doch Eva kämpft. Denn wenn sie stirbt, dann wird der ArztEva Mozes Kor/ Lisa Rojany Buccierei Ich habe den Todesengel überlebt auch Miri­am töten, um ihren kran­ken Leich­nam mit dem der gesun­den Schwes­ter zu ver­glei­chen. Und das darf auf kei­nen Fall pas­sie­ren. Tat­säch­lich gelingt ihr das schier Unmög­li­che: Sie wird wie­der gesund. Sie darf die Kran­ken­sta­ti­on end­lich ver­las­sen und zurück zu ihrer Schwes­ter, von der sie noch nie so lan­ge getrennt gewe­sen war. Aber Miri­am scheint all ihren Lebens­wil­len ver­lo­ren zu haben…

Ich habe den Todes­en­gel über­lebt” wird durch­ge­hend aus der Ich-Per­spek­ti­ve und aus Evas Sicht erzählt. Es beginnt mit einem Pro­log, in dem der Selek­tier­vor­gang an der Ram­pe geschil­dert und die Fami­lie buch­stäb­lich aus­ein­an­der­ge­ris­sen wird. In dem dar­auf fol­gen­den Haupt­teil des Romans, der in meh­re­re Kapi­tel ein­ge­teilt ist, beginnt die Geschich­te von Eva von ihrer Geburt ab, bis in die heu­ti­ge Zeit. Ihr Wer­de­gang, das all­mäh­li­che anti­se­mi­ti­sche Den­ken und Han­deln der Dorf­be­woh­ner, die am Ende sogar eine Flucht der Fami­lie ver­hin­dern, liest sich sehr bewe­gend. Immer wie­der sind his­to­ri­sche Daten mit­ein­ge­floch­ten. Jah­res­zah­len, Eva Mozes Kor/ Lisa Rojany Buccierei Ich habe den Todesengel überlebtDin­ge, die das Mäd­chen im Radio mit­be­kommt oder die ande­re erzäh­len. Bis ihre Fami­lie schließ­lich nach Ausch­witz depor­tiert wird. Was gut gemacht ist, das sind die teil­wei­sen Ergän­zun­gen aus der Jetzt-Zeit gese­hen, die in den Text ein­flie­ßen. Zum Bei­spiel Tat­sa­chen über die medi­zi­ni­schen Expe­ri­men­te, die Eva Mozes Kor erst spä­ter erfah­ren hat, die sie aber bei ihren Schil­de­run­gen mit erwähnt. Dies gibt der Geschich­te noch mehr Detail­ge­treu­heit und leis­tet vie­le Erklä­run­gen, die sie als Kind damals noch nicht gehabt haben konn­te.
Es ist unfass­bar, wel­ches Leid die bei­den Mäd­chen über sich erge­hen las­sen muss­ten. Und umso beein­dru­cken­der, wie vor allem Eva um ihr Über­le­ben gekämpft hat (“In Ausch­witz zu sein, war, als erleb­te man jeden Tag von Neu­em einen Auto­un­fall. Jeden Tag von Neu­em geschah etwas Schreck­li­ches.” Zitat aus “Ich habe den Todes­en­gel über­lebt”, Sei­te 71). Aber auch, dass die Mäd­chen ein­an­der hat­ten, nicht allei­ne waren wie vie­le ande­re, hat ihnen in die­ser schwe­ren Zeit sehr viel gehol­fen.

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Dr. Men­ge­le

In einem anschlie­ßen­den Nach­wort berich­tet Eva Mozes Kor aus­führ­lichst wie sie nach ihrer Emi­gra­ti­on nach Isra­el, mit der der Haupt­teil endet, lebt. Sie hat zum Bei­spiel eine Orga­ni­sa­ti­on gegrün­det, um ande­re Zwil­lings-Opfer von Dr. Men­ge­le zu fin­den. Auch hat sie Kon­takt zu einem ehe­ma­li­gen NS-Arzt namens Dr. Münch her­ge­stellt, der schwer unter sei­ner Schuld lei­det. Für ihn und sogar für Dr. Men­ge­le schreibt sie eine Ver­ge­bungs­er­klä­rung, das sie öffent­lich vor­liest und unter­zeich­net. Die­ser bemer­kens­wer­te Akt scheint Unbe­tei­lig­ten unvor­stell­bar zu sein, sie begrün­det ihn fol­gen­der­ma­ßen: “Ver­ge­bung dient nicht so sehr dem Täter als viel­mehr dem Opfer. Es lag in mei­ner Macht, zu ver­ge­ben. Nie­mand konn­te mir die­se Macht ver­lei­hen, nie­mand konn­te sie mir neh­men. Eben dies erzeug­te in mir ein Gefühl der Stär­ke.” (Zitat aus “Ich habe den Todes­en­gel über­lebt”, S.189). Eva Mozes Kor hat vie­le Vor­trä­ge gehal­ten und ist lite­ra­risch tätig gewe­sen. Die Bot­schaft des Ver­ge­bens an jun­ge Men­schen her­an­zu­brin­gen, ist ihr beson­ders wich­tig. Aber auch macht sie deut­lich, dass es wich­tig ist sei­ne Träu­me nie­mals auf­zu­ge­ben und ande­re Men­schen nach ihren Taten und nach ihrem Cha­rak­ter zu beur­tei­len.

Im Anhang fol­gen Anmer­kun­gen der Auto­rin Lisa Roja­ny Buc­cie­ri über ihre schrift­stel­le­ri­sche Arbeit, Bio­gra­fi­en der Auto­rin­nen, Bild­nach­wei­se und — sehr pas­send — eine Zeit­leis­te zu den his­to­ri­schen Ereig­nis­sen, in denen auch die Geschich­te der Fami­lie inte­griert ist. In einem anschlie­ßen­den Glos­sar wer­den wich­ti­ge Begrif­fe erklärt.

Wenn du dich für Bücher inter­es­siert, die eben­so wie “Ich habe den Todes­en­gel über­lebt” in Ausch­witz spie­len, dann kannst du fol­gen­de Titel lLesealternativenesen: Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma” von John Boy­ne (fast schon ein “moder­ner Klas­si­ker” zu die­sem The­ma), Der Klang der Hoff­nung” von Suzy Zail (eine bewe­gen­de Neu­erschei­nung), Rei­se im August” von Gud­run Pau­sewang. Ein eben­falls auto­bio­gra­fi­scher Roman wäre “Mich hat man ver­ges­sen” von Eva Erben. Unter den medi­zi­ni­schen Expe­ri­men­ten des Dr. Men­ge­les lei­det auch die Haupt­fi­gur in “Denk nicht, wir blei­ben hier!” von Anja Tucker­mann. Zwei wei­te­re Neu­erschei­nun­gen über den Holo­caust sind “Der Foto­graf von Ausch­witz: Das Leben des Wil­helm Bras­se” von Rei­ner Engel­mann und Der Jun­ge auf der Holz­kis­te. Wie Schind­lers Lis­te mein Leben ret­te­te” von Leon Ley­son.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj
ISBN: 978-3-570-40109-5
Erscheinungsdatum: 9.Januar 2012
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 6,99€
Seitenzahl: 224
Übersetzer: Barbara Küper
Originaltitel: "Surviving the Angel of Death"
Originalverlag: Tanglewood Press

Englisches Originalcover:
Eva Mozes Kor/ Lisa Rojany Buccierei Ich habe den Todesengel überlebt











Eva Mozes Kor berichtet:

Eva Mozes Kor verzeiht Dr. Mengele:

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 

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3.Bild v. oben (Äpfel): © Aka/pixelio.de
4. Bild v. oben (Dr.Mengele): von Anonymous photographer, not identified 
                              anywhere [Public domain], via Wikimedia Commons
Englisches Cover: von Eva Mozes Kors Homepage ihrer Organisation CANDLES 
                  Holocaust Museum and Education Center

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