Estelle Laure — Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance

Laure Estelle - Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance22.März 2016

Ein rich­tig schö­nes, far­ben­fro­hes Cover bie­tet “Gegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” von der ame­ri­ka­ni­schen Auto­rin Estel­le Lau­re sei­nen Lesern. Ein Roman über das Allein­ge­las­sen wer­den in einer Fami­lie, uner­war­te­te Ver­ant­wor­tung und eine noch viel uner­war­te­te­re Lie­be. Unter­halt­sam und bewe­gend. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

New Jer­sey. Die 17-jäh­ri­ge Lucil­le hat es nicht gera­de leicht. Ihr Vater wohnt nicht mehr bei ihnen zu Hau­se. Und jetzt hat ihre Mut­ter ein­fach ihren Kof­fer gepackt und ist abge­hau­en. “Sie sag­te, sie wol­le den Kopf frei­krie­gen, sich sam­meln, und sei bald wie­der zurück.” (Zitat aus “Gegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” S.36) Sie hat Lucil­le und ihrer klei­nen, neun­jäh­ri­gen Schwes­ter Wren einen vol­len Kühl­schrank und ein wenig Geld da gelas­sen. Spä­tes­tens zum Schul­an­fang woll­te sie wie­der da sein. Doch die zwei Wochen sind vor­bei und ihre Mut­ter ist immer noch nicht wie­der da. Schon beim Abschied war sie so selt­sam: “Sie war irgend­wie abwe­send, die Augen groß und trüb. […] Als wären wir gar nicht da, als wären wir Gespens­ter. Zu die­sem Zeit­punkt war nur noch die Hül­le von ihr übrig. Die Mom, die ich kann­te, war nicht mehr da, schon eine Wei­le nicht. Also war der Abschied auch kein rich­ti­ger Abschied, son­dern das letz­te Los­las­sen von etwas, das längst Laure Estelle - Gegen das Glück hat das Schicksal keine ChanceErin­ne­rung war.” (Zitat S.36/37) Nun ist Lucil­le ganz allein auf sich gestellt. Sie muss den Haus­halt schmei­ßen, die anste­hen­den Rech­nung bezah­len, sich um ihre klei­ne Schwes­ter küm­mern und neben­bei auch noch das Ver­schwin­den der Mut­ter vor den neu­gie­ri­gen Nach­barn und der Mut­ter ihrer bes­ten Freun­din Eden ver­tu­schen. Ihre Mut­ter sei im Urlaub, so ihre Stan­dard­ant­wort. Dabei möch­te sie lie­ber nicht zu vie­len Leu­ten ver­trau­en. “Wenn du einem Men­schen ver­traust, drückst du ihm ein Mes­ser in die Hand, das er dir in den Bauch ram­men kann. So viel weiß ich.” (Zitat S.30) Nie­mand soll sie und ihre Schwes­ter in ein Heim ste­cken oder von­ein­an­der tren­nen. Kom­pli­ziert wird es für Lucil­le aller­dings erst so rich­tig, als auch Dig­by, der Zwil­lings­bru­der ihrer bes­ten Freun­din, ihr hel­fen will. Denn obwohl Lucil­le ihn schon kennt, seit sie sie­ben ist, haben sich ihre Gefüh­le für ihn seit eini­ger Zeit ver­än­dert. “Wie kommt es, dass Dig­by ges­tern nur Edens zuge­ge­be­ner­ma­ßen süßer Bru­der war und mir heu­te den Atem raubt, mich erzit­tern lässt und mein Inne­r­ers­tes nach außen krem­pelt? Sind es die Hor­mo­ne? Ein Feh­ler in der Matrix? Das Pro­dukt aus inne­rer Ver­zweif­lung und mei­nem unter­ent­wi­ckel­ten Ich?” (Zitat S.18) Lucil­le ist völ­lig über­for­dert. Und wer ist der oder die Unbe­kann­te, der heim­lich ihren Kühl­schrank füllt und die Arbeit im Gar­ten für sie erle­digt? Und wann kommt eigent­lich ihre Mut­ter zurück? Wird sie über­haupt jemals wiederkommen?

Laure Estelle - Gegen das Glück hat das Schicksal keine ChanceGegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” wird kom­plett aus Lucil­les Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Die Über­schrif­ten des Romans sind mit klei­ne Luft­bal­lons und Tagesan­ga­ben ver­se­hen und beginnt mit “Tag 14″ . Er zählt die Tage, die Lucil­les und Wrens Mut­ter die bei­den schon allei­ne gelas­sen hat. Und das wer­den immer mehr und mehr Tage… Das The­ma Ver­nach­läs­si­gung ist taucht in der Jugend­li­te­ra­tur immer mal wie­der spo­ra­disch auf, hier ist es kom­bi­niert mit einer Lie­bes­ge­schich­te. Das Schick­sal von Lucil­le, die plötz­lich so viel Ver­ant­wor­tung über­neh­men muss, ist sehr ergrei­fend geschrie­ben. Man kann sich sehr gut in ihre Sor­gen und Nöte hin­ein­ver­set­zen. “Jeden­falls habe ich alles getan, was Mom tun wür­de. Habe es zumin­dest ver­sucht. Das Uni­ver­sum weiß genau, dass ich schum­me­le, dass ich nur so tue, als hät­te ich einen Plan. Dabei habe ich kei­nen.” (Zitat S.8/9) Es ist ein Draht­seil­akt, den das Mäd­chen absol­viert. Zur Schu­le gehen, den Haus­halt schmei­ßen, für die klei­ne Schwes­ter sor­gen und dann auch noch Geld ver­die­nen, um die anste­hen­den Rech­nun­gen zu bezah­len, damit ihnen das Tele­fon nicht abge­stellt wird, das Kabel­fern­se­hen wei­ter­hin funk­tio­niert (und Wren ihre Lieb­lings­koch­sen­dung sehen kann) und das Essen im Kühl­schrank nicht ausgeht.
Laure Estelle - Gegen das Glück hat das Schicksal keine ChanceLucil­le spricht den Leser zuwei­len direkt an: “Fragt mich nach mei­nem Namen, wenn er dabei ist, und wahr­schein­lich wüss­te ich die Ant­wort nicht.” (Zitat S.13) und “In der lin­ken — ja, mei­ne Damen und Her­ren, Jungs und Mäd­chen, in der lin­ken Hand — hal­te ich einen nagel­neu­en Ein­hun­dert-Dol­lar-Schein. Er kam ges­tern mit der Post.” (Zitat S.23) Das wirkt manch­mal etwas thea­tra­lisch, kommt jedoch nur sehr sel­ten vor. Die Figur von Dig­by war für mich am Anfang noch etwas blass und wenig greif­bar, doch zum Glück ändert sich dies recht schnell und es wird rich­tig schön roman­tisch! Der Erzähl­stil und die Spra­che habe mir sehr gut gefal­len. Vor allem das Cover ist ein wah­rer Hin­gu­cker! Beim Titel wur­de sich wohl etwas an “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” ori­en­tiert, aber why not?;-) Gegen Ende wird es noch mal sehr dra­ma­tisch und ner­ven­auf­rei­bend und man möch­te “Gegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” kaum aus den Hän­den legen. Auch trans­por­tiert der Roman eine schö­ne Bot­schaft: Man ist nie so allei­ne, wie man denkt und oft stär­ker, als einem selbst bewusst ist.

Fazit: Ein sehr lesens­wer­tes Buch!

LesealternativenZum The­ma Ver­nach­läs­si­gung gibt es ein paar Roma­ne im Jugend­buch: “Der Mär­chen­er­zäh­ler” von Anto­nia Michae­lis (sprach­ge­wal­tig, geni­al! Hier küm­mert sich ein Jun­ge um sei­ne klei­ne Schwes­ter), “For­bid­den” von Tab­i­tha Suzu­ma (sehr bewe­gend! Hier küm­mern sich Jun­ge und Mäd­chen um ihre jün­ge­ren Geschwis­ter), “8 Tage im Juni” von Bri­git­te Gla­ser (Mäd­chen küm­mert sich um klei­nen Bru­der) und “Abge­mel­det” von Bir­git Schlie­per (Mäd­chen küm­mert sich um Geschwis­ter). Die Mut­ter ist auch in fol­gen­den Roma­nen abge­taucht: “Eulen­fal­ter” von Sara Pen­ny­packer (bereits ab 11 Jah­ren, toll!), Fünf­zehn kopf­lo­se Tage” von Dave Cou­sins und “About Ruby” von Sarah Des­sen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3737-35326-7
Erscheinungsdatum: 22.März 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Sophie Zeitz
Originaltitel: "This raging light"
Originalverlag: Houghton Mifflin

Amerikanisches Originalcover:
Laure Estelle - Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance











Hörprobe aus dem Buch:
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Houghton Mifflin

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