Erna Sassen — Komm mir nicht zu nah

Erna Sassen - Komm mir nicht zu nah7.Oktober 2016

Komm mir nicht zu nah” ist das neu­es­te Buch der nie­der­län­di­schen Auto­rin Erna Sas­sen, die die­ses Jahr gleich in zwei Kate­go­ri­en für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert wur­de (für ihren vor­he­ri­gen Roman “Dies ist kein Tage­buch”). Ihr aktu­el­les Werk erzählt die Geschich­te eines Mäd­chens am Abgrund aus der Sicht ihrer älte­ren Schwes­ter, ein ergrei­fen­des Por­trät — inten­siv, dra­ma­tisch und vor allem lebens­nah. Ein Roman, den man so schnell nicht ver­ges­sen wird. Für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren und vor allem für Erwach­se­ne.

Ams­ter­dam. Hier leben Mar­jo­li­jn und ihre jün­ge­re Schwes­ter Reva, die bereits eine eige­ne Woh­nung hat und auf eine Schau­spiel­schu­le geht. “Reva ist andert­halb Jah­re jün­ger als ich. Sie raubt mir schon mein gan­zes Leben lang den Schlaf. Als sie noch klein war, tat sie das, indem sie wirk­lich alles mit einem Fra­ge­zei­chen ver­sah und zur Dis­kus­si­on stell­te. […] Spä­ter dreh­ten sich ihre Fra­gen um Gott, den Tod und um ande­re schwe­re The­men, über die ich als Kind aus eige­nem Antrieb nie nach­dach­te.” (Zitat aus “Komm mir nicht zu nah” S.9) Vor allem nachts ruft Reva Mar­jo­li­jn an, wenn sie nicht schla­fen kann oder sich Gedan­ken über ihr Leben macht. “Nega­ti­ve, depri­mie­ren­de Gedan­ken dar­über, was sie alles falsch gemacht und Ver­kehr­tes gesagt hat, was an ihrem Äuße­ren nicht stimmt und wer sie alles auf den Tod nicht aus­ste­hen kann.” (Zitat S.10). Reva hat kein beson­ders gro­ßes Selbst­be­wusst­sein. Sie mag ihren Kör­per Erna Sassen - Komm mir nicht zu nahnicht und ver­gleicht sich oft mit ande­ren. Manch­mal ist sie auch ein­fach trau­rig. Lan­ge Zeit dach­te Mar­jo­li­jn es läge an Revas heim­li­chen Affä­re mit einem ver­hei­ra­te­ten Dozen­ten (der ihr nicht gut­tat), dass es ihrer Schwes­ter so schlecht ging, dass sie so viel Gewicht ver­lor und so wenig aß. Doch seit­dem Revas Zahn­arzt ihre stark abge­nutz­ten Zäh­ne behan­deln muss und ein Bera­ter dar­auf kam, dass dies mit ihrem regel­mä­ßi­gen Erbre­chen zu tun hat, wird Mar­jo­li­jn etwas hell­hö­ri­ger, wenn es um ihre Schwes­ter geht: Ich hat­te nicht die gerings­te Ahnung von dem Aus­maß ihres “Ess­pro­blems”. Ich, die immer ihre gro­ße Stüt­ze gewe­sen bin. Oder zu sein geglaubt habe. War­um hat­te ich nicht bes­ser hin­ge­schaut? Ich wuss­te natür­lich schon, dass sie sich “ab und zu! über­gab. Das hat sie mir selbst erzählt. Schon vor Jah­ren, als alle wahr­schein­lich begann.” (Zitat S.39) All­mäh­lich kommt Mar­jo­li­jn dahin­ter, dass Reva wirk­lich schwer krank ist und ihrer Sucht ohne Hil­fe wohl nicht mehr ent­kom­men wird…

Komm mir nicht zu nah” besticht neben dem gut gewähl­ten Titel durch ein bril­lan­tes Cover. Unüber­seh­bar ist die Zer­brech­lich­keit der Prot­ago­nis­tin. Ihre Ver­letz­lich­keit, ihre Trau­rig­keit und Distan­ziert­heit. “Seit Jah­ren schon ver­steckt sie sich hin­ter einem viel zu lan­gen Pony, was ihr von den Dozen­ten der Erna Sassen - Komm mir nicht zu nahSchau­spiel­schu­le immer den glei­chen Kom­men­tar ein­brach­te: “Das Haar muss weg, wir kön­nen dei­ne Augen nicht sehen.” Aber genau dar­um ging es ja. Dass nie­mand in ihren Augen die­se alles beherr­schen­de Scham sehen konn­te. Scham wegen viel mehr als nur ihrem Äuße­ren.” (Zitat S.19) Der nie­der­län­di­schen Auto­rin Erna Sas­sen ist ein beein­dru­cken­des Por­trät eines Men­schen gelun­gen. In ange­neh­mer, flüs­sig zu lesen­der Spra­che erschafft sie das viel­schich­ti­ge Bild einer jun­gen Frau, die so um die 20 zu sein scheint und die in kei­ne Schub­la­de passt. Reva schläft nicht nur völ­lig wahl­los mit Män­nern, sie steht auch auf sol­che, die sie nicht lie­ben — bei­spiel­wei­se ihren Dozen­ten — weil sie hofft die­sen dazu zu brin­gen, es doch zu tun. Und sie hat die unbe­greif­li­che Angst ein­fach so umge­bracht zu wer­den. Das Beson­de­re an dem Roman ist jedoch, dass Reva nicht in einer eigen­stän­di­gen Per­spek­ti­ve agiert, son­dern nur aus dem Blick­win­kel ihrer Schwes­ter betrach­tet wird, die in Ich-Form von Epi­so­den aus deren Leben erzählt. Oft­mals wer­den Gesprä­che zwi­schen ihnen wie­der­ge­ge­ben, die Revas unheil­vol­len Zustand dem Leser nach und nach offen­ba­ren: “Wür­dest du den Beruf wech­seln, wenn du die Mög­lich­keit bekämst?”, Erna Sassen - Komm mir nicht zu nahfra­ge ich. Sie schnaubt ich bekann­tes klei­nes Lachen. […] Ich will über­haupt nichts, besagt es. Ich will über­haupt nichts und ich glau­be an nichts mehr. “Reef?” Sie weint. Laut­los. “Ich wür­de lie­ber mei­nen Cha­rak­ter wech­seln, wenn ich die Mög­lich­keit bekä­me”, sagt sie. “Was ist falsch an dei­nem Cha­rak­ter?” fra­ge ich. Wie­der die­ses Lachen. “Alles.” (Zitat S.64ff) Über die Erzäh­le­rin selbst erfährt man kaum etwas, nur ab und zu wer­den win­zi­ge Bruch­stü­cke aus ihrem Leben ver­ra­ten. Allein Reva steht im Mit­tel­punkt der Geschich­te. Typisch sind hier­für auch ihre nächt­li­chen Tele­fon­ge­sprä­che. Mar­jo­li­jn, die eigent­lich schla­fen will, es aber nichts übers Herz bringt, das Tele­fon abzu­schal­ten. Die jedes Mal ran­geht, wenn ihre Schwes­ter anruft. Und auch wenn die­se sich nie für Mar­jo­li­jns Befin­den und ihr Leben gar inter­es­siert, und eigent­lich nur das, was in ihrem Kopf ist, los­wer­den möch­te, so hört Mar­jo­li­jn zu. Nacht für Nacht. Denn — so erkennt die Erzäh­le­rin — braucht Reva vor allem eines: Auf­merk­sam­keit, um am Leben zu blei­ben, einen “Zeu­gen”, der sie sieht und wahr­nimmt, damit sie das Gefühl hat noch zu exis­tie­ren. Mar­jo­li­jns Emp­fin­dun­gen bestehen aus einer Mischung aus Bestürzt­heit, Vor­wür­fen sich selbst gegen­über, aber auch aus emo­tio­na­ler Här­te, Genervt­heit und Wut: Es stank mir, dass von mei­ner Erna Sassen - Komm mir nicht zu nahSchwes­ter nur noch so wenig übrig war. Dass kein Gramm Power mehr in ihr steck­te, kei­ne Wut, kein Ehr­geiz, nichts. Dass wir nie mehr einen so unbän­di­gen Lach­krampf beka­men wie frü­her als Kin­der. Und dass sie aus­sah wie ein halb toter Hund. Ich woll­te sie wach­rüt­teln, wach­prü­geln not­falls.” (Zitat S.53) Mar­jo­li­jn hat den Wunsch ihre Schwes­ter zu kon­trol­lie­ren, beson­ders bezüg­lich ihres Ess­ver­hal­tens und fährt sogar für einen Urlaub nach Grie­chen­land mit ihr. Vor allem jenes Ver­hal­ten wird sehr aus­führ­lich betrach­tet. Ihre Ess­stö­rung wird gera­de­zu seziert und detail­liert hin­ter­fragt: “Das heißt, wo ein ande­rer zur Fla­sche greift, hast du zu den rosa Teil­chen gegrif­fen?” “Ich war süch­tig nach Essen und Kot­zen. Und mit die­ser Sucht konn­te ich mich und mei­ne Panik sehr gut betäu­ben. “Wie denn?” “Ganz ein­fach. Das Kot­zen ver­setzt dich in einen Rausch. Es wirkt ent­span­nend. Du machst dich selbst im wört­li­chen und über­tra­ge­nen Sinn leer.” (Zitat S.49) Das Buch schwankt zwi­schen den Gren­zen von Jugend­buch und Erwach­se­nen­ro­man. Da die Prot­ago­nis­tin selbst auch schon etwas älter ist, und ange­sichts ihrer sexu­el­les Ver­hal­tens und ihrer Rei­fe, wür­de ich es erst ab 15 Jah­ren emp­feh­len, vor allem aber für Erwach­se­ne. Vom Ende her hät­te ich mehr noch etwas mehr gewünscht.

Fazit: Ein bewe­gen­des, tief­sin­ni­ges Psy­cho­gramms eines Men­schen, der am Leben zu zer­bre­chen droht. Gekonnt erzählt!

Wenn dir “Komm mir nicht zu nah” gLesealternativenefal­len hat, dann lies noch das ers­te (unab­hän­gi­ge) Buch von Erna Sas­sen: Das ist kein Tage­buch”. Eine sehr gute Alter­na­ti­ve ist die Auto­rin Lil­ly Lind­ner, der es neben der Schil­de­rung einer Ess­stö­rung auch bril­lant gelingt einen zer­bro­che­nen Men­schen (meis­tens sich selbst) zu por­trä­tie­ren. Sie hat ein Jugend­buch geschrie­ben “Was fehlt, wenn ich ver­schwun­den bin” oder Roma­ne für Erwachsene/ Jugend­li­che ab 16 Jah­ren, wie zum Bei­spiel “Split­ter­fa­ser­nackt” oder “Bevor ich fal­le”. Eine sehr bewe­gen­de Schwes­tern­ge­schich­te mit dem The­ma Ess­stö­rung fin­dest du auch bei Lara Schütz­sack in “Und auch so bit­ter­kalt” und bei Sas­kia Sarg­in­son in “Zer­trenn­lich”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Freies Geistesleben 
ISBN: 978-3-7725-2862-0
Erscheinungsdatum: 24.August 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,90€ 
Seitenzahl: 176
Übersetzer: Rolf Erdorf
Originaltitel: "Kom niet dichterbij"
Originalverlag: Uitgeverij Leopold

Niederländisches Originalcover: 
Erna Sassen - Komm mir nicht zu nah

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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