E. Lockhart — Solange wir lügen

E. Lockhart Solange wir lügen13.Juli 2017

Die ame­ri­ka­ni­sche Auto­rin E. Lock­hart hat mit “Solan­ge wir lügen” ein ganz außer­ge­wöhn­li­ches Buch geschrie­ben. Ein Roman über eine ange­se­he­ne Fami­lie, über Lügen, Lie­be und eine Wahr­heit, nach der erst gesucht wer­den muss. Der hoch­ge­lob­te, ame­ri­ka­ni­sche Best­sel­ler, jetzt im Deut­schen. Hoch­ge­lobt — zu Recht. Emp­feh­lens­wert: abso­lut! Span­nend. Lite­ra­risch. Roman­tisch. Über­ra­schend. Jetzt neu als Taschen­buch erschie­nen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Sie sind reich. Sie sind jung. Sie sind bild­hübsch. Und sie ver­brin­gen jeden Som­mer auf der Pri­vat­in­sel der Fami­lie vor der Küs­te von Mas­sa­chu­setts. Die Sin­c­lairs. Da sind die Groß­el­tern Har­ris und Tip­per, die drei Töch­ter Pen­ny, Car­rie und Bess. Die Sin­c­lair­töch­ter waren braun gebrannt und wun­der­schön. Sie waren groß, fröh­lich und reich wie Prin­zes­sin­nen aus einem Mär­chen. Sie waren in ganz Bos­ton, Har­vard und auf Martha’s Viney­ard für ihre Kaschmir­car­di­gans und ihre gran­dio­sen Par­tys bekannt. Sie waren gemacht für Legen­den.” (Zitat aus “Solan­ge wir lügen” S.16). Auf der Pri­vat­in­sel lie­ßen die Eltern der drei Frau­en drei Häu­ser bau­en, für jedes ihrer Töch­ter und deren neu­en Fami­li­en eines. Eine gro­ße Schar von Enkel­kin­dern trifft sich dort in den Som­mer­mo­na­ten wie­der. Car­ry hat zwei Söh­ne: John­ny und Will. Pen­ny eine Toch­ter namens Cadence. Und Bess hat drei Töch­ter: Mir­ren, die Zwil­lin­ge Liber­ty und Bon­nie und einen Sohn namens Taft. Erzählt wird die Geschich­te aus Cadence Sicht, die mitt­ler­wei­le fast acht­zehn Jah­re alt ist: “Ich bin die ältes­te der Sin­c­lai­ren­kel. Erbin der Insel, des Ver­mö­gens und der Erwar­tun­gen. Na ja, viel­leicht.” (Zitat S.17). Im Som­mer, als Cadence fünf­zehn war, hat ihr Vater die Fami­lie ver­las­sen. Es auch die­ser Som­mer, in dem sie Gat uner­war­tet E. Lockhart Solange wir lügennäher kommt. Gat, mit dem sie sich immer schon gut ver­stan­den hat. Er ist der Nef­fe von Car­ri­es neu­em Mann, den er schon vor sie­ben Jah­ren regel­mä­ßig mit auf die Insel brach­te. “Er hat­te eine aus­ge­präg­te Nase und schö­ne Lip­pen. Dun­kel­brau­ne Haut, schwar­ze gewell­te Haa­re. Sein Kör­per strotz­te vor Ener­gie. Gat wirk­te wie eine gespann­te Feder. Als wür­de er auf etwas war­ten. Er war Ein­kehr und Begeis­te­rung. Ehr­geiz und star­ker Kaf­fee. Ich hät­te ihn ewig anschau­en kön­nen.” (Zitat S.21). Doch dann ereig­net sich ein Unfall im Meer, in Fol­ge des­sen Cadence ein Schä­del-Hirn-Trau­ma erlei­det. Sie kann sich an die Gescheh­nis­se unmit­tel­bar vor, wäh­rend und nach dem Unfall nicht mehr erin­nern. Man hat sie zit­ternd und völ­lig unter­kühlt am Strand gefun­den. Wahr­schein­lich hat sie sich ihren Kopf an einem der scharf­kan­ti­gen Fel­sen gesto­ßen. Etwa sechs Wochen nach dem Unfall bekommt sie selt­sa­me Übel­keits- und Ohn­machts­an­fäl­le. Immer wie­der. Star­ke Migrä­ne. Und die Ärz­te sind rat­los. Sie muss vie­le Tablet­ten neh­men und ver­bringt den nächs­ten Som­mer nicht auf der Insel. Ihr Vater, der sie sehen möch­te, nimmt sie mit auf Euro­pa­rei­se. Doch dann im Som­mer, als sie sieb­zehn ist, darf sie wie­der auf die Pri­vat­in­sel. Wenn auch nur für vier Wochen. Und Cadence möch­te sich erin­nern. Sie will wis­sen, war­um sich Gat sich nie mehr bei ihr gemel­det hat. Und sie will wis­sen, was damals pas­siert ist…

E. Lockhart Solange wir lügenSolan­ge wir lügen”  wird durch­ge­hend aus Caden­ces Sicht erzählt. Der Text wech­selt manch­mal in ande­re zeit­li­che Abschnit­te. Berich­tet von ver­gan­ge­nen Som­mern, jedoch so, dass man stets gut fol­gen kann. Am Anfang hat­te ich etwas Schwie­rig­kei­ten die Fami­li­en und deren Kin­der ein­zu­ord­nen (ein­fach weil es so vie­le Namen sind), hier­bei hilft aller­dings der zu Beginn abge­druck­te Stamm­baum der Fami­lie Sin­c­lair. Der Roman ist in meh­re­re Tei­le unter­glie­dert: Teil eins: “Herz­lich Will­kom­men”, wel­cher mit einer Vor­stel­lung der Fami­lie beginnt, die vol­ler Iro­nie ist: “Herz­lich Will­kom­men bei den wun­der­schö­nen Sin­c­lairs. Nie­mand von uns ist ein Ver­bre­cher. Nie­mand ein Abhän­gi­ger. Nie­mand ein Ver­sa­ger. […] Wir sind Sin­c­lairs. Nie­mand ist schwach. Nie­mand hat Unrecht. Wir woh­nen, zumin­dest in den Som­mer­mo­na­ten, auf einer Pri­vat­in­sel vor der Küs­te von Mas­sa­chu­setts. Viel­leicht ist das schon alles, was ihr wis­sen müsst.” (Zitat S.11/12). In solch einer Fami­lie auf­zu­wach­sen und zu leben ist zugleich Pri­vi­leg, als auch Druck, was sich immer wie­der wäh­rend des Buches deut­lich zeigt. Teil zwei namens “Ver­mont” spielt haupt­säch­lich dort, wo Cadence und ihre Mut­ter außer­halb der Som­mer­mo­na­te leben und erzäh­len von der Zeit nach Caden­ces Unfall. Es erzeugt eini­ges an Span­nung, her­aus­zu­fin­den, was damals wohl pas­siert sein könn­te, da der Leser sich auf dem glei­chen Wis­sens­stand befin­det wie auch Cadence. In Teil drei (“Som­mer sieb­zehn”) rich­tet sich das Augen­merk auf die Gescheh­nis­se des aktu­el­len Som­mers. In Teil vier bricht die Wahr­heit immer mehr her­vor, um in Teil fünf schließ­lich eine über­ra­schen­de Auf­lö­sung zu lie­fern. E. Lock­hart ver­wen­det einen sehr ange­neh­men Erzähl­ton. E. Lockhart Solange wir lügenManch­mal reiht sie sehr kur­ze Sät­ze anein­an­der, rückt Satz­stü­cke in unter­schied­li­che Zei­len und lässt das Erwähn­te dadurch inten­si­ver wir­ken: “Frü­her war ich blond, aber jetzt sind mei­ne Haa­re schwarz. Frü­her war ich stark, aber jetzt bin ich schwach. Frü­her war ich hübsch, aber jetzt sehe ich krank aus. Seit mei­nem Unfall lei­de ich an Migrä­ne. Schwach­köp­fe kann ich nicht lei­den. Ich mag es, wenn etwas meh­re­re Bedeu­tun­gen hat.” (Zitat S.12). Sie schafft es beson­de­re Bil­der zu erzeu­gen, um Gefüh­le her­über­zu­brin­gen. Die­se in all ihrer Hef­tig­keit dar­ge­stellt zu bekom­men, berührt und lässt noch mehr am Innen­le­ben der Prot­ago­nis­tin teil­ha­ben. Bei­spiels­wei­se stellt E. Lock­hart den Aus­zug von Caden­ces Vater auf eine ganz außer­ge­wöhn­li­che meta­pho­ri­sche Wei­se dar, bei der man erst ein­mal rea­li­sie­ren muss, dass das nicht echt ist, son­dern nur bild­haft gemeint ist: Dann zog er eine Pis­to­le und schoss mir in die Brust. Ich stand gera­de auf dem Rasen und ich fiel. Die Ein­schuss­stel­le klaff­te weit aus­ein­an­der und mein Herz roll­te aus mei­nem Brust­korb ins Blu­men­beet. In rhyth­mi­schen Stö­ßen quoll Blut aus mei­ner offe­nen Wun­de, aus mei­nen Augen, mei­nen Ohren, mei­nem Mund. Es schmeck­te nach Salz und Ver­sa­gen. Hell­rot tränk­te mei­ne Scham, nicht geliebt zu wer­den, das Gras vor unse­rem Haus, die gepflas­ter­te Auf­fahrt, die Stu­fen zur Veran­da. Mein Herz zuck­te zwi­schen den Pfingst­ro­sen wie eine Forel­le.(Zitat S.14). Auch die auf­kei­men­de Lie­be zwi­schen Gat und Cadence wird äußerst sen­si­bel erzählt. Sehr schö­ne Dia­lo­ge zwi­schen ihnen fin­den sich in dem Roman, die man am liebs­ten immer wie­der und wie­der lesen möch­te. Eben­so kur­ze Mär­chen, die zur Wahr­heits­fin­dung bei­tra­gen, sind in die Geschich­te mit ein­ge­floch­ten. Roman­tik, Span­nung, Authen­ti­zi­tät und das ganz beson­de­re Ende, das sind wohl die größ­ten Stär­ken die­ser Geschich­te, die defi­ni­tiv das Poten­ti­al zu einem Lieb­lings­buch hat. Empfehlenswert!

LesealternativenDie wohl bes­te Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Solan­ge wir lügen” ist die Der Som­mer, als ich schön wur­de”-Rei­he von Jen­ny Han. Eben­falls sehr sehr gefühl­voll erzählt, tref­fen auch hier zwei befreun­de­te Fami­lie jedes Jahr in den Som­mer­mo­na­ten in einen Feri­en­haus zusam­men. In ähn­li­cher Form geschieht dies in “Unser letz­ter Som­mer” von Ann Bras­ha­res, in wel­chem ein Schick­sals­schlag alles ver­än­dert. Hin­ter eine Fas­sa­de vol­ler Reich­tum und Lügen kannst du eben­so in “Sweet lies: In gefähr­li­cher Gesell­schaft” von Lili Pelo­quin (ers­ter Teil einer Rei­he) und “Die Bucht” von Sarah Alder­son schau­en. Das The­ma “Sich wie­der an etwas Furcht­ba­res erin­nern müs­sen” fin­dest du in dem bewe­gen­den “Scher­ben­mäd­chen” von Liz Coley, in dem neu­en Roman von Anto­nia Michae­lisIm Auge des Leucht­turms” (erst ab 16) und in “Schat­ten­grund” von Eli­sa­beth Herr­mannOder lies noch ande­re Bücher von E. Lock­hart: “Die unrühm­li­che Geschich­te der Fran­kie Land­au-Banks” oder die vier­bän­di­ge “Ruby”-Rei­he!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ravensburger
ISBN: 978-3-473-58512-0
Erscheinungsdatum: 21.Juni 2017
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: Alexandra Rak
Originaltitel: "We were liars"
Originalverlag: Delacorte Press

Amerikanisches Originalcover:
E. Lockhart Solange wir lügen











Amerikanischer Trailer:
 
E.Lockhart liest aus ihrem Buch (englisch):

Kasimiras Bewertung:

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