Dawn O’Porter — Papierfliegerworte

Dawn O'Porter - Papierfliegerworte15.Mai 2015

Dawn O’Porter hat mit “Papier­flie­ger­wor­te” ein ganz beson­de­res Buch geschrie­ben, das die Geschich­te einer Freund­schaft in den 90ern erzählt. Zwei Mäd­chen, die so unter­schied­lich wie Tag und Nacht sind und doch eine trau­ri­ge Gemein­sam­keit haben: sie ken­nen bei­de den Schmerz eines Ver­lus­tes. Ein Roman nicht nur über Freund­schaft und schwie­ri­ge Fami­li­en­ver­hält­nis­se, son­dern auch über das Ver­zei­hen, das Sich­selbst­fin­den und Erwach­sen­wer­den. Äußerst berüh­rend und ein­dring­lich erzählt. Für Jugend­li­che ab 14 Jahren.

Guern­sey. Eine klei­ne Insel vor der fran­zö­si­schen Küs­te. Gera­de mal 11km lang und 6,5km breit. Hier kennt jeder jeden und hier leben die 15-jäh­ri­gen Mäd­chen Flo und Renée. Die Som­mer­fe­ri­en haben soeben ein Ende gefun­den und die Schu­le hat wie­der begon­nen. Gera­de Renée sehnt sich sehr danach wie­der dort­hin zu gehen: “Ich kann es kaum erwar­ten, wie­der in der Schu­le zu sein. Der Weg dort­hin erfüllt wie immer sei­nen Zweck. Ich nen­ne es gern mei­ne täg­li­che Evo­lu­ti­on. Ich ver­las­se das Haus mit hän­gen­dem Kopf und kom­me mit hoch­ge­reck­tem Kinn und Lust auf ein biss­chen Spaß in der Schu­le an.” (Zitat aus “Papier­flie­ger­wor­te”, Sei­te 16ff) Ihr Zuhau­se ist bei ihren Groß­el­tern, seit ihre Mut­ter vor acht Jah­ren an Krebs gestor­ben ist und ihr Vater, der mit dem qual­vol­len Tod sei­ner Frau nicht fer­tig wur­de, Renée und ihre jün­ge­re Schwes­ter Nell ver­las­sen hat. Nell lei­det offen­sicht­lich an einer Ess­stö­rung und redet kaum mit Renée, ihr Groß­va­ter ist jäh­zor­nig, und ihre Groß­mut­ter scheint auch all­mäh­lich durch­zu­dre­hen. “Mei­ne Fami­lie kommt mir vor wie vier straff gespann­te Gum­mi­bän­der, die jeden Moment Dawn O'Porter - Papierfliegerwortelos­schie­ßen und sich in alle Him­mels­rich­tun­gen zer­streu­en kön­nen, so dass wir ein­an­der nie wie­der­fin­den.” (Zitat S.37). In der Schu­le fin­det Renée Freund­schaft und fin­det sie zugleich doch nicht, denn mit Car­la und Gem, einem unzer­trenn­li­chen Zwei­er­ge­spann, befreun­det zu sein, ist irgend­wie immer wie das fünf­te Rad am Wagen zu sein. Den­noch ver­sucht Renée das Leben posi­tiv zu sehen, möch­te rebel­lisch und anders sein. Sie tut nicht viel für die Schu­le und holt sich nach dem Unter­richt am liebs­ten eine Por­ti­on Pom­mes. Von den klei­nen Chips­tüt­chen isst sie min­des­tens fünf am Tag, denn ihre Groß­mut­ter kann nicht wirk­lich kochen.

Flo hat es auch nicht gera­de leicht daheim. Sie lei­det sehr dar­un­ter, dass ihr Vater zu Hau­se aus­ge­zo­gen ist. Er und ihre Mut­ter haben sich getrennt. Doch ihr Vater ist irgend­wie nicht ganz auf der Spur. Er trinkt zu viel und ver­lässt das Haus sogar manch­mal nur in Pan­tof­feln. Mit ihrer Mut­ter ver­bin­det Flo rein gar nichts. Die bei­den ver­ach­ten ein­an­der. Stän­dig muss sie sich um ihre 4-jäh­ri­ge Schwes­ter küm­mern, da ihre Mut­ter zu aus­ge­laugt dazu ist. Ihr Bru­der, der sei­ne Freun­din­nen wie sei­ne Unter­ho­sen wech­selt, ist ihr da auch nicht gera­de eine Hil­fe. Doch Flo ver­sucht sich anzu­pas­sen, schreibt gute Noten in der Schu­le und behält ihre Mei­nung lie­ber für sich. Vor allem gegen­über Sal­ly, ihrer bes­ten Freun­din, die zugleich kei­ne ist: “Ich trot­te Sal­ly hin­ter­her wie ein ver­lo­re­nes Schaf, weil ich nicht den Mut auf­brin­ge, zu sagen, was ich will. Mitt­ler­wei­le ist es wohl schon die Macht der Gewohn­heit. Ich rede nicht dar­über, wie es mir geht, weil ich am Ende doch wie­der nur dumm daste­he.” (Zitat S.35/36) Sal­ly ist ein wah­res Biest. Sie meckert, kri­ti­siert und kom­man­diert Flo her­um, macht Scher­ze auf ihre Kos­ten und hat nicht wirk­lich ein offe­nes Ohr für ihre Sor­gen. Schon vor Jah­ren hät­te Flo Sal­ly die Mei­nung sagen müs­sen, doch sie tat es nicht. Weil sie wuss­te, dass die­se ihr das Leben dann zur Höl­le gemacht hät­te. Jetzt will Flo nur noch ihren Abschluss machen und von Guern­sey ver­schwin­den. Umso über­ra­schen­der ist es für sie, dass sie plötz­lich anfängt sich mit Renée, einer Mit­schü­le­rin, gut zu ver­ste­hen. Das Mäd­chen hat sie von einer Par­ty geret­tet, als Flo zu betrun­ken war, um nach Hau­se zu kom­men. Renée inter­es­siert sich sogar wirk­lich für ihre Pro­ble­me mit ihrem Vater. Im Gegen­satz zu Sal­ly. Und doch darf die­se von der begin­nen­den Freund­schaft der bei­den nie­mals etwas erfah­ren. Aber auch Renée hat ein Geheim­nis, das sie vor Flo zu ver­ber­gen versucht…

Dawn O'Porter - PapierfliegerwortePapier­flie­ger­wor­te” wird abwech­selnd aus Flos und aus Renées Sicht in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Der Blick in das See­len­le­ben der 15-Jäh­ri­gen geht tief. Er dringt in Schich­ten ein, die ver­letz­lich und schmerz­haft sind. Da ist viel Cha­os, viel Ver­wir­rung, viel Wut und Trau­rig­keit. Und doch gelingt es Renée, die den Schmerz sehr gut kennt, für Flo da zu sein, als es ihr Vater ist, der von ihr geht. Der einen töd­li­chen Herz­in­farkt erlei­det. Es die Freund­schaft, die Halt gibt, die ablenkt, die auf­mun­tert. Eine Freund­schaft, die bedin­gungs­lo­se Ehr­lich­keit möch­te und sie doch nicht immer bekommt. Eine Freund­schaft, um die gekämpft wer­den muss. Eine wah­re Freund­schaft, die erkannt und eine fal­sche, die been­det wer­den muss. Freund­schaft — das ist ein gro­ßes Wort. In “Papier­flie­ger­wor­te” erlebt man sie in all ihren Facet­ten. Das liest sich sehr bewe­gend und abso­lut authen­tisch. Auch spart das Buch kei­ne Facet­te des sexu­el­len Erwach­sen­wer­dens aus, in aller Deut­lich­keit berich­tet Dawn O’Porter von Selbst­be­frie­di­gung, Mens­trua­ti­ons­pro­ble­men, Oral­sex und dem ers­ten Mal. Sie nimmt ihre Leser ernst, beschö­nigt nichts und blen­det nichts aus. Sie lässt ihre Prot­ago­nis­ten Feh­ler machen und um Ver­zei­hung bit­ten. Sie lässt sie erken­nen und rei­fen. Sie lässt den Wert von Freund­schaft kris­tall­klar durch die Zei­len scheinen.
Der Titel “Papier­flie­ger­wor­te” ist gut gewählt, denn es sind Papier­flie­ger mit zöger­li­chen Wor­ten, die das Fun­da­ment von Flos und Renées Freund­schaft bedeu­ten, die sie sich im Unter­richt gegen­sei­tig zuschi­cken. Die Haupt­fi­gu­ren des Romans sind frei erfun­den, wie die Auto­rin in einem Vor­wort erklärt, jedoch hat Dawn O’Porter sich des Öfte­ren von ihren eige­nen Tage­buch­ein­trä­gen zu Jugend­zei­ten inspi­rie­ren las­sen. Sie bedau­ert es, dass die­se in einem gewis­sen Alter enden und ermu­tigt den Leser mit dem Tage­buch­schrei­ben nicht so schnell auf­zu­hö­ren. Die Auto­rin hat eine eige­ne Mode­li­nie und ist in Groß­bri­tan­ni­en eine bekann­te Schau­spie­le­rin und Moderatorin.

Es gibt im Übri­gen noch eine Fort­set­zung von “Papier­flie­ger­wor­te”, die bis­her aller­dings nur im Eng­li­schen erschie­nen ist: Goose” Nichts­des­to­trotz kann der Roman auch für sich allein gele­sen wer­den. Das zwei­te Buch setzt zeit­lich 1 12 Jah­re spä­ter ein.

LesealternativenDu magst beson­de­re Roma­ne über Freund­schaft? Dann lies doch mal “Das nacht­blaue Kleid” von Karen Fox­lee. Ein bemer­kens­wer­ter Roman, auch in zwei Per­spek­ti­ven geschrie­ben, ist “Lie­der eines Som­mers” von Cath Crow­ley, hier wird eben­falls der Ver­lust um einen gelieb­ten Men­schen ver­ar­bei­tet. Grund­ver­schie­den sind die Prot­ago­nis­tin­nen auch in “Das unsicht­ba­re Mäd­chen” von Cha­ris Cot­ter. Rich­tig klas­se fand ich auch die Freund­schafts­ge­schich­te in “Bird und ich und der Som­mer, in dem ich flie­gen lern­te” von Crys­tal Chan. Eine Thril­ler-Rei­he, die sich eben­so inten­siv auf die sexu­el­le Ent­wick­lung ihrer Haupt- und Neben­fi­gu­ren ein­geht, ist die “Dark Vil­la­ge”-Rei­he von Kje­til John­sen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58321-5
Erscheinungsdatum: 24.April 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: Martina Tichy
Originaltitel: "Paper aeroplanes"
Originalverlag: Hot Key Books

Englisches Originalcover:
Dawn O'Porter - Papierfliegerworte











Dawn O'Porter über ihr Buch (englisch):
 
Die sympathische Autorin auf Buchtour (englisch): 

 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

 

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Englisches Cover: Homepage von Dawn O'Porter

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