Dan Gemeinhart — Die wirkliche Wahrheit

Dan Gemeinhart Die wirkliche Wahrheit4.November 2015

Der deutsch-ame­ri­ka­ni­sche Autor Dan Gemein­hart hat mit “Die wirk­li­che Wahr­heit” einen Roman über einen krebs­kran­ken Jun­gen, einen letz­ten Wunsch, Freund­schaft und den treus­ten Hund der Welt geschrie­ben. Ein Road­mo­vie. Eine Suche. Eine dra­ma­ti­sche und zutiefst berüh­ren­de Geschich­te. Lese­tipp! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Wen­at­chee. Bun­des­staat Washing­ton. Der 12-jäh­ri­ge Mark ist von zu Hau­se abge­hau­en. “Der Berg rief nach mir. Ich muss­te ein­fach weg­lau­fen. Ich konn­te nicht anders.” (Zitat aus “Die wirk­li­che Wahr­heit” S.9). Der Mount Rai­nier ist sein Ziel, 4392 Meter hoch. Auf ihn hin­auf möch­te er. Auch wenn dies bei­na­he unmög­lich ist. Es sind 263 Mei­len, die ihn von sei­nem Ziel tren­nen. Und eine Krank­heit, die sich Krebs nennt. “Irgend­wo da drau­ßen in der Dun­kel­heit war Jes­sie, mei­ne bes­te Freun­din. Und mei­ne Mut­ter und mein Vater. Ihre Gesich­ter tauch­ten ver­schwom­men vor mir auf. Sie wuss­ten nicht, dass ich fort­ging. Und sie wuss­ten auch nicht, wo ich hin­woll­te. Sie wür­den mich nicht fin­den kön­nen. Sie wür­den mir nicht hel­fen kön­nen.” (Zitat S.13) Nie­mand kann Mark mehr hel­fen. Denn er wird ster­ben. Auf dem Weg zum Mount Rai­nier wird er mit eini­gen Pro­ble­men kon­fron­tiert: Er muss die Poli­zei aus­trick­sen, die ihmDan Gemeinhart Die wirkliche Wahrheit dicht auf den Fer­sen ist. Er wird über­fal­len und aus­ge­raubt. Und er stürzt in ein flie­ßen­des, eis­kal­tes Gewäs­ser, in dem er bei­na­he ertrinkt. Und doch ist neben sei­nem Foto­ap­pa­rat und sei­nem Notiz­buch einer immer an sei­ner Sei­te: sein Hund Beau, der ihn zu beschützen ver­sucht:Beau schoss aus der Tasche her­vor wie die glü­hen­de Gerech­tig­keit. Wie sämt­li­che rich­ti­gen Arten von Wut. Wie alles, was die Welt je gebraucht hat. Schnell und laut schoss er in die Dun­kel­heit und das Blut die­ser kal­ten Stra­ßen hin­aus, ein Bün­del aus Zäh­nen, Gebell und Tap­fer­keit.” (Zitat S.55) Doch was wird am Ende sein? Am Ende sei­nes Weges? Und wie wird sich sei­ne bes­te Freun­din Jes­sie ent­schei­den? Sie, die als Ein­zi­ge ahnt, was Mark vor­hat… Wird sie ihn auf­hal­ten?

Die wirk­li­che Wahr­heit” fällt vor allem durch sein schlich­tes, aber prä­gnan­tes und schön inten­siv blau­es Cover auf. Was ist die wirk­li­che Wahr­heit? Gibt es noch ein Wirk­li­cher als wahr? Gegen Ende des Romans kann der Leser auch die­se Fra­ge beant­wor­ten. Die Geschich­te wird in der Ich-Per­spek­ti­ve und aus Marks Sicht erzählt. Mark, der geprägt ist von Selbst­hass, Ver­zweif­lung und Lebens­über­druss. “Ich wein­te nicht. Aber ich hät­te es eben­so gut tun kön­nen. Ich starr­te mich im Spie­gel an, wie ich da stand und nicht wein­te, mei­ne Müt­ze auf dem Boden. Ich sah klein aus. Und schwach. Und ein­sam. Ich hass­te mich selbst.” (Zitat S.71) Es ist nicht nur die Krank­heit, die all­mäh­lich ihren Tri­but for­dert, es ist vor allem die Hoff­nungs­lo­sig­keit, Dan Gemeinhart Die wirkliche Wahrheitdie Mark ein­holt. Die Aus­sichts­lo­sig­keit. Nach Jah­ren der Krank­heit, des Kämp­fens und Gewin­nens, des Gesundseins und des erneut Krank­wer­dens. Der Krebs ist schon in der Kind­heit bei ihm aus­ge­bro­chen. “Das Leben ist echt schei­ße. Wirk­lich wahr. Und das ist auch so was, das ich nicht ver­ste­he: war­um alle immer so tun als wär das nicht so.” (Zitat S.36) Die­ses “Wirk­lich wahr”, die­se tro­cke­ne For­mu­lie­rung durch­zieht den Roman wie ein roter Faden. Ich habe mal mit­ge­zählt: es sind 21 Mal.
Die Kapi­tel­über­schrif­ten wer­den von der Mei­len­zahl bis zum Mount Rai­nier beglei­tet und regel­mä­ßig durch “hal­be” Kapi­tel unter­bro­chen (Kapi­tel 1½, Kapi­tel 2½, Kapi­tel 3½), in denen Marks bes­te Freun­din Jes­sie ihr Erle­ben und die Ver­zweif­lung sei­ner Eltern schil­dert. Schön sind auch die schwar­zen Stri­che auf den Buch­sei­ten, die neben der Erhe­bung des Ber­ges den lang­sa­men Auf­stieg die­ses andeu­ten. Ins­ge­samt muss ich sagen, dass es zwar zuwei­len ernüch­ternd und trau­rig, aber zugleich auch wahn­sin­nig ergrei­fend und emo­tio­nal ist Marks Geschich­te zu ver­fol­gen. Vor allem sei­ne Freund­schaft zu Beau, der alles für ihn tun wür­de, bewegt. Die Dra­ma­tik in den Ber­gen am Ende des Buches hat mich echt umge­hau­en! Zudem hält das Ende eine schö­ne Bot­schaft für sei­ne Leser bereit: ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» “Ich hat­te geglaubt, ich könn­te es allein schaf­fen. Aber das konn­te ich nicht. […] Ich dach­te an mei­ne Krank­heit, mei­ne Wut, mei­ne Angst. An all das, was nur Dun­kel­heit war, und Sturm. Ich hat­te mich dar­in ver­irrt. Aber es gibt immer auch ein Ende des Sturms. Und Men­schen, die einen durch jeden Sturm beglei­ten.” (Zitat S.237/238) ««««««ENDE SPOILER»»»»»»
Dan Gemeinhart Die wirkliche WahrheitAußer­dem ruft Dan Gemein­hart sei­ne Leser dazu auf sich mit einem beson­de­ren The­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen: dem Recht nach Selbst­be­stim­mung. “Bit­te”, sag­te ich. “Ich hat­te nie eine Wahl. Mein gan­zes Leben hat­te ich nie eine Wahl. Las­sen Sie mich wenigs­tens das hier selbst ent­schei­den. Nur die­se eine Sache, bevor mir wie­der jede Wahl genom­men wird.” “Du könn­test doch mit einem Füh­rer rauf­ge­hen, Jun­ge, oder mit mir zusam­men, oder…” “Nein. Ich will das schaf­fen. Und ich will das allei­ne schaf­fen. Wenigs­tens die­ses eine Mal.” (Zitat S.183) Wie weit darf man gehen? Darf man sei­nen Tod selbst bestim­men? Und was, wenn man genau weiß, dass jemand durch sei­ne eige­ne Ent­schei­dung ster­ben könn­te, darf man ihn dann gehen las­sen?
Ein beson­ders schö­nes Zitat in die­sem rund­her­um gelun­ge­nen Buch möch­te ich am Ende noch nen­nen, es ist auch im Ein­band auf der Innen­sei­te ein­ge­druckt: “Ja”, ant­wor­te­te mei­ne Mut­ter schließ­lich. “Hun­de müs­sen auch ster­ben. Aber vor­her leben sie. Und zwar genau bis zu dem Moment, wo sie dann ster­ben. Sie leben ein schö­nes, tap­fe­res Leben. Sie beschüt­zen ihre Fami­li­en. Sie lie­ben uns. Sie sor­gen dafür, dass unser Leben ein biss­chen hel­ler und fröh­li­cher wird. Und sie haben kei­ne Angst vor dem Mor­gen. Damit ver­geu­den sie nicht ihre Zeit. Sie ihn dir an, mein Schatz. […] Er hat kei­ne Angst. […] Er macht sich kei­ne Sor­gen. Er lebt sein Leben, wie es gera­de kommt. Und ist ein­fach nur froh, hier bei dir zu sein.(Zitat S.114)

Es lohnt sich übri­gens die Home­page von Dan Gemein­hart zu besu­chen. Hier kann man sich unter ande­rem fünf kur­ze Vide­os zu den tat­säch­lich exis­tie­ren­den Hand­lungs­or­ten anse­hen, die der Autor (auf Eng­lisch) kom­men­tiert. Sehr inter­es­sant! Das Ori­gi­nal­co­ver ist zudem auch sehr gelun­gen (sie­he unten).

LesealternativenSehr gute Alter­na­ti­ven zu “Die wirk­li­che Wahr­heit” sind natür­lich “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” von John Green und “Bevor ich ster­be” von Jen­ny Down­ham, was das The­ma Tod und Krebs betrifft. Sehr gut kann ich mir auch “Wie man unsterb­lich wird” von Sal­ly Nicholls vor­stel­len, in dem die Haupt­fi­gur eben­falls männ­lich und krebs­krank ist. Wenn dir die Ver­bin­dung mit dem Hund gut gefal­len hat, wären eben­so “Ein Hund fürs Leben” von L.S. Mat­thews (eben­falls The­ma Krank­heit) und “Hun­de­win­ter” von K.A. Nuz­um (Nomi­nie­rung zum Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2011) etwas für dich. Schön und zugleich trau­rig ist “Mein Hund Mar­ley und ich” von John Gro­gan, das vor allem die inten­si­ve Ver­bin­dung zwi­schen Mensch und Hund schil­dert. Eine beson­de­re Freund­schaft zu einem Hund (und zwei Pfer­den) beschreibt “Win­ter­pfer­de” von Phi­lip Kerr, das ich sehr emp­feh­len kann.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Königskinder
ISBN: 978-3-551-56015-5
Erscheinungsdatum: 2.Oktober 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Annette von der Weppen
Originaltitel: "The honest truth"
Originalverlag: Scholastic Press

Amerikanisches Originalcover: 
Dan Gemeinhart Die wirkliche Wahrheit








Amerikanischer Trailer 1 (der ruhigere Trailer):
 

Amerikanischer Trailer 2 (der dramatischere Trailer):
  

Deutsche Hörprobe:
 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 

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Amerikanisches Cover: Homepage von Scholastic

 

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