Clémentine Beauvais — Dreckstück

Clementine Beauvais Dreckstück12.Juni 2017

Die fran­zö­si­sche Auto­rin Clé­men­ti­ne Beau­vais hat mit “Dreck­stück” ein außer­ge­wöhn­li­ches, kurz­wei­li­ges Buch geschrie­ben über eine Grup­pe gelang­weil­ter Jugend­li­che und eine spon­ta­ne Ent­füh­rung eines schwar­zen Mäd­chens, die außer Kon­trol­le gerät. Beklem­mend. Inten­siv. Hef­tig. Ein Kam­mer­spiel mensch­li­cher Grau­sam­keit. Jetzt neu als Taschen­buch erschie­nen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Paris. David und sei­ne Cli­que sind eigent­lich auf dem Weg zur Schu­le. Sei­ne Cli­que, das sind Flo­ri­an, Gon­zague und die bei­den Mäd­chen Anne-Lau­re und Éli­se. Nicht dabei ist Mar­gue­ri­te, die wegen eines Streiks fest­saß. Mal wie­der haben die Jugend­li­chen kei­ne Lust auf die Schu­le und beschlie­ßen zu schwän­zen. Aus­ge­rüs­tet mit Gerich­ten vom Chi­ne­sen wol­len sie in die Woh­nung von Gon­zague. Bis ihnen ein klei­nes Mäd­chen über den Weg läuft. Schwarz. Mit offen­sicht­li­chen Läu­sen auf dem Kopf. Sie ist mit einer Schul­klas­se, deren Ende sie ein­ge­nom­men hat, unter­wegs zum Schwimm­bad. Als die Jugend­li­chen sie anhal­ten, merkt kei­ner etwas. Die ande­ren Schü­ler gehen ein­fach wei­ter: “Er pack­te das Mäd­chen am Schal und wir­bel­te es mit einem Ruck zu sich her­um, wie einen Fisch an er Har­pu­ne, und sag­te: Du klei­nes Dreck­stück! Du bist ja völ­lig ver­laust.” […] Die Klei­ne sag­te nichts, starr­te Flo­ri­an nur aus ihren tief­schwar­zen Augen an — wäh­rend er sei­ne Hand immer noch fest um den roten Schal geschlos­sen hielt, aus dem ihr klei­nes, brau­nes Gesicht her­vor­sah. Clémentine Beauvais Dreckstück“Dreck­stück”, zisch­te Flo­ri­an. “Du widerst uns alle an.” (Zitat aus “Dreck­stück” S. 1920) Sie neh­men das Mäd­chen, das sich nicht wehrt und nicht weint — sie nur aus angst­er­füll­ten Augen anstarrt — mit in die Woh­nung von Gon­zagues Eltern. Um sie zu ent­lau­sen, wie Éli­se sagt. Doch dabei bleibt es nicht. Bald gera­ten die Ereig­nis­se außer Kon­trol­le und kei­ner der Jugend­li­chen ist bereit auf­zu­hö­ren…

Dreck­stück” fällt bereits durch sein Cover auf, das — wenn man genau­er hin­schaut — abge­schnit­te­ne Haa­re zeigt, die auf dem Boden lie­gen. Haa­re von Eli­kya, wie das schwar­ze Mäd­chen heißt. Der Roman, der nur 96 Sei­ten umfasst und in einer sehr kla­ren Spra­che geschrie­ben ist, wird durch­gän­gig aus der Ich-Per­spek­ti­ve und aus Davids Sicht erzählt. Mit typi­schem Cli­quen­geha­be, einem jugend­sprach­li­chen Umgangs­ton prä­sen­tiert er sei­ne Freun­de: Ach halt’s Maul, David”, erwi­der­te Flo­ri­an. “Immer musst du alle in Schutz neh­men. Du bist echt ein Weich­ei.” (Zitat S.15) und “Wow, ist ja wie­der eine super Stim­mung”, mel­det sich Éli­se zu Wort. “Ich weiß echt nicht, war­um ich mich noch mit euch abge­be, ihr seid immer nur schlecht drauf und schreit euch an. Ich gehe zur Schu­le zurück. Ihr kotzt mich an.” (Zitat S.15) Den Jugend­li­chen ist lang­wei­lig, lau­fen ziel­los durch die Stadt. Es ist ein rei­ner Zufall, dass ihnen das Mäd­chen mit den Läu­sen auf­fällt. Auf­ge­heiz­te Stim­mung, Ärger über einen Rol­ler­fah­rer, der Gon­zagues fast streift, Arro­ganz und Ange­wi­dert­sein von den Umstän­den, es sind ver­schie­de­ne Din­ge, die sich in ihren Taten, die fol­gen, ent­la­den.Clémentine Beauvais Dreckstück Es ist das Aus­tes­ten von Gren­zen, die sie all­mäh­lich über­schrei­ten und die Dyna­mik der Grup­pe, die mit­reißt und mit­ma­chen lässt. Bis es zu spät ist und das Gan­ze eska­liert… Und dass etwas Schlim­mes am Ende der Geschich­te pas­sie­ren wird, das wird dem Leser bereits zu Beginn des Buches durch ver­schie­de­ne, Span­nung erzeu­gen­de Andeu­tun­gen klar gemacht: “Was danach pas­siert, haben wir nicht beson­ders geplant, auch wenn das hin­ter­her vie­le Leu­te behaup­tet haben — die Jour­na­lis­ten hal­ten immer alles für über­legt, orga­ni­siert und erprobt, aber wir sind kei­ne Ter­ro­ris­ten.” (Zitat S.10) und “Auch spä­ter hat man mich in die­ser Sache immer als den Harm­lo­sen dar­ge­stellt, den Sen­si­bels­ten der Trup­pe. Man hat gesagt, wenn ich mehr Ein­fluss auf die ande­ren gehabt hät­te, wäre das alles nicht pas­siert, aber das stimmt, glau­be ich nicht. Hät­te ich mehr Ein­fluss gehabt, hät­te ich trotz­dem genau das Glei­che gemacht.” (Zitat S.15) Wer hat Schuld? Wer hat ange­fan­gen? Wer hät­te auf­hö­ren kön­nen und tat es nicht? War­um haben sie das gemacht? Der Roman wirft vie­le Fra­gen auf, jedoch macht er vor allem zwei Din­ge: er ver­stört sei­ne Leser und er rüt­telt sie gleich­zei­tig auf, über das Gesche­hen nach­zu­den­ken. Und er hin­ter­lässt ein beklem­men­des Gefühl. Eine Ahnung, das so etwas jeder­zeit und über­all gesche­hen kann…

LesealternativenMich hat “Dreck­stück” von der Inten­si­tät der kur­zen Geschich­te und der schlich­ten Erzähl­wei­se sofort an Nichts: Was im Leben wich­tig ist” von Jan­ne Tel­ler erin­nert, das eine sehr gute Alter­na­ti­ve ist. Über eine grau­sa­me Tat unter Jugend­li­chen und Schuld berich­tet auch “War­um wir Gün­ter umbrin­gen woll­ten” von Her­mann Schulz (bewe­gend, aber eher raue­rer Erzähl­art). Oder lies noch ande­re Roma­ne, in denen die Din­ge lang­sam außer Kon­trol­le gera­ten, allen vor­an natür­lich Die Wel­le” von Mor­ton Rhue, dem moder­nen Klas­si­ker der Jugend­li­te­ra­tur (sowohl der ame­ri­ka­ni­schen, als auch der deut­schen). Klas­se fand ich eben­so “But­ter” von Erin Jade Lan­ge oder Die Liga der Guten” von Rüdi­ger Bertram. Gren­zen über­schrit­ten wer­den auch in “Like me. Jeder Klick zählt” von Tho­mas Fei­bel und Das haben wir nicht gewollt” von Paul Zin­del. Kurz­wei­lig und ähn­lich auf­rüt­telnd ist eben­falls “33 Cent um ein Leben zu ret­ten” von Lou­is Jen­sen. Und zu guter Letzt ein echt hef­ti­ges Buch: “Dop­pel­tot” von Gideon Sam­son.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-31628-8
Erscheinungsdatum: 30.Juni 2017
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 5,99€
Seitenzahl: 96
Übersetzer: Annette von der Weppen
Originaltitel: "La Pouilleuse"
Originalverlag: Editions Sarbacane

Französisches Originalcover:
Clémentine Beauvais Dreckstück

 Kasimiras Bewertung:

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Französisches Cover: Homepage von Clémentine Beauvais

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