Clémentine Beauvais — Die Königinnen der Würstchen

Clémentine Beauvais - Die Königinnen der Würstchen31.August 2017

Die fran­zö­si­sche Auto­rin Clé­men­ti­ne Beau­vais hat mit “Die Köni­gin­nen der Würst­chen” einen wirk­lich herr­li­chen (Gute-Laune-)Roman geschrie­ben. Über eine Wahl zum häss­lichs­ten Mäd­chen des Jah­res, Freund­schaft und einen ganz beson­de­ren Road­trip nach Paris. Erfri­schend anders, schräg und sehr humor­voll. Eine wah­re Lese­freu­de und schon jetzt eines mei­ner Lieb­lings­bü­cher! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Bourg-en-Bres­se. Jedes Jahr das glei­che Spiel. Malo ver­öf­fent­licht auf Face­book sei­ne per­sön­li­che Wahl der acht­zehn häss­lichs­ten Mäd­chen. Aber nur drei­en von ihnen ver­leiht er den Preis des häss­lichs­ten Mäd­chens — die “Wurst des Jah­res” in den Kate­go­ri­en Bron­ze, Sil­ber und Gold. Auch die 15-jäh­ri­ge Mireil­le ist die­ses Jahr wie­der unter den leid­vol­len “Gewin­nern”: “Es ist soweit, die Ergeb­nis­se sind auf Face­book erschie­nen: Ich bin Bron­ze-Wurst des Jah­res. Ich bin fas­sungs­los. Nach­dem ich zwei Jah­re hin­ter­ein­an­der zur Wurst des Jah­res in Gold gewählt wor­den bin, hielt ich mich für unschlag­bar, aber das war ein Irr­tum.” (Zitat aus “Die Köni­gin­nen der Würst­chen” S.9) Aber Mireil­le sieht das Gan­ze mit ihrer für sie typi­schen Art von Humor. Sie — die etwas über­ge­wich­tig ist — will sich von so einer Wahl nicht das Leben ver­mie­sen las­sen. Das ver­sucht sie auch der 16-jäh­ri­gen Astrid, die sie ver­stört und wei­nend auf­ge­sucht hat, klar zu machen. Die­se wohnt erst seit einem Jahr in Bourg-en-Bres­se, war vor­her in einer katho­li­schen Schwes­tern­schu­le und ist völ­lig scho­ckiert überClémentine Beauvais - Die Königinnen der Würstchen ihre Plat­zie­rung. Und so machen die Zwei sich auf den Weg auch die Silber-“Wurst des Jah­res” aus­fin­dig zu machen. “Wir lau­fen also durch die Nacht von Bourg-en-Bres­se, Astrid Blom­vall und ich, und je län­ger wie lau­fen, des­to mehr hellt sich ihre Stim­mung auf. Ich glau­be sie merkt so lang­sam, dass es Schlim­me­res gibt, als zur Wurst des Jah­res gewählt zu wer­den…” (Zitat S.31) Die Zweit­plat­zier­te ist erst 12, heißt Haki­ma und stammt aus einer Fami­lie mit ara­bi­schen Wur­zeln. Mireil­le ver­liebt sich auf der Stel­le in deren Bru­der, der als Sol­dat gekämpft hat und dabei und durch die Fal­schent­schei­dung eines Gene­rals sei­ne Bei­ne ver­lo­ren hat. Er ist es auch, der die drei Mäd­chen auf ihrer spon­tan geplan­ten Fahrt mit dem Fahr­rad nach Paris als “Auf­pas­ser” beglei­ten darf. Am 14.Juli wol­len die drei “Würs­te des Jah­res” dort ein­tref­fen um “die Gar­ten­par­ty im Ély­sée-Palast zu cras­hen” (Zitat S.44). Denn dort wird nicht nur der Gene­ral anwe­send sein, der für das Leid von Haki­mas Bru­der ver­ant­wort­lich ist, son­dern auch Astrids Lieb­lings­band Indo­chi­ne und der Mann (ver­hei­ra­tet mit der Prä­si­den­tin Frank­reichs!), der bio­lo­gisch gese­hen eigent­lich Mireil­les Vater ist, aber sei­ne Vater­schaft nie­mals zuge­ge­ben hat. Und auf kei­nen der Brie­fe von Mireil­le geant­wor­tet hat. Dem will sie doch auch mal gehö­rig die Mei­nung gei­gen! Doch dann hef­tet sich aus­ge­rech­net die Bou­le­vard­pres­se ganz Frank­reichs an die Fer­sen der Mäd­chen, die von der Wahl zur “Wurst des Jah­res” Wind bekom­men hat und über die­se außer­ge­wöhn­li­chen Rei­se berich­ten möch­te…

Clémentine Beauvais - Die Königinnen der WürstchenDie Köni­gin­nen der Würst­chen” hat alles, was ein gutes Buch braucht: Esprit, Ernst­haf­tig­keit und eine gro­ße Por­ti­on Humor! Ein Roman, der durch sei­ne Cha­rak­te­re lebt, allen vor­an Mireil­le, aus deren Sicht und in Ich-Per­spek­ti­ve die Geschich­te erzählt wird. Ein Mäd­chen, das ihre Mut­ter regel­mä­ßig auf die Pal­me bringt (ihre pro­vo­zie­ren­den Gesprä­che mit ihrer Mut­ter sind gran­di­os!), ihren Stief­va­ter nicht lei­den kann und eigent­lich gar nicht weiß, war­um. Die schlag­fer­tig und direkt ist, es liebt zu über­trei­ben und die Welt mit ihrer ganz eige­nen Art betrach­tet. Ein erfri­schen­des Lese­er­leb­nis und eine Erzähl­stim­me, die defi­ni­tiv anders ist: schrul­lig, abge­fah­ren und vol­ler süf­fi­san­ter Iro­nie. Gleich­zei­tig nimmt sich “Die Köni­gin­nen der Würst­chen” dem The­ma Schön­heits­wahn und Anders­sein auf sehr behut­sa­me Wei­se an, wäh­rend man sich fragt, wie die­ses Mäd­chen die­se “Aus­zeich­nun­gen” ein­fach so weg­steckt. Und auch wenn ihr Leid ange­deu­tet wird, so hat Mireil­le doch gelernt ande­re Wege zu gehen — dar­über­zu­ste­hen: “Oh, ich besit­ze eine über­mensch­li­che Fähig­keit zur Distan­zie­rung. […] Aber wie es aus­sieht, hat die arme Astrid bei den Ordens­schwes­tern nicht das glei­che Trai­ning erhal­ten wie ich: Offen­bar hat man ihr dort nicht oft genug gesagt, dass sie dick und häss­lich ist. Wäh­rend ich das inzwi­schen schon so oft gehört habe, dass ich nur noch dar­über lache. Das perlt von mir ab wie Was­ser von einem Lotos­blatt. (ZitClémentine Beauvais - Die Königinnen der Würstchenat S.21ff) Natür­lich gibt es auch Kom­men­ta­re, die Mireil­les Selbst­be­wusst­sein tref­fen, aber sie ver­sucht trotz­dem “ein­fach nicht mehr ver­letzt zu sein” (Zitat S.206). Und so staunt man und freut sich mit den Mäd­chen, die auf ihrer Rei­se nach Paris nicht nur Würst­chen ver­kau­fen (aus­ge­rech­net!), um sich zu finan­zie­ren, son­dern auch eine Rie­sen­fan­ge­mein­de in ganz Frank­reich ihr eige­nen nen­nen dür­fen. Plötz­lich rei­ßen sich die Zei­tun­gen und Fern­seh­sen­der um Inter­views mit ihnen und frem­de Men­schen erken­nen sie auf den Stra­ßen wie­der. Fas­zi­nie­rend sind daher immer wie­der die zwi­schen ein­ge­scho­be­nen Zei­tungs­ar­ti­kel oder auch die Kom­men­ta­re aus sämt­li­chen sozia­len Netz­wer­ken. Das Ende ist pas­send und macht Mut, dass man manch­mal zu mehr imstan­de ist, als man sich zutraut.

Fazit: Eine bezau­bern­de, herz­er­wär­men­de Geschich­te, die ein­fach Spaß zu lesen macht!

Ande­re Bücher von Clé­men­ti­ne Beau­vais sind “Dreck­stück” (hef­tig und eine ganz ande­re, erns­te The­ma­tik, aber gut, ab 14 Jah­ren), Sun­ny Spy­ce, die kolos­sal klu­ge Rät­sel-Kna­cke­rin” (ab 9 Jah­ren) und die Cha­os-Rei­he (ab 8 Jah­ren): “Baby­sit­ter-Cha­os” (Band 1), Das Hoch­zeits-Cha­os” (Band 2) und “Das Kuchen-Cha­os” (Band 3). EinLesealternativene sehr gute inhalt­li­che Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Die Köni­gin­nen der Würst­chen” ist “Nur eine Lis­te” von Siob­han Vivi­anHier wird jedes Schul­jahr eine Lis­te von einer unbe­kann­ten Per­son ver­öf­fent­licht, die die 4 häss­lichs­ten und die 4 schöns­ten Mäd­chen, deren Leben sich dar­auf­hin kom­plett ver­än­dert — ein sehr bewe­gen­des und loh­nen­des Buch! Zwei Roma­ne, in denen die Haupt­fi­gu­ren unter ihrem Über­ge­wicht lei­den und zu neu­em Selbst­ver­trau­en fin­den, sind “Dick ange­zo­gen” von Chan­tal Schrei­ber und “Bit­ter­scho­ko­la­de” von Mir­jam Press­lerEin Road­mo­vie quer durch Frank­reich gefäl­lig? Mit ähn­lich viel Lokal­ko­lo­rit wie in “Die Köni­gin­nen der Würst­chen”? Dann lies “Glücks­dra­chen­zeit” von Kat­rin Zip­se und “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” von Mari­an de SmetHerz­er­wär­men­de Geschich­ten, in denen sich nach alles fügt und man das Buch mit einem Gute-Lau­ne-Gefühl schlie­ßen kann? Die­se Erfah­run­gen wirst du auf jeden Fall auch bei “Wun­der von Raquel J. Pala­cio und “Jes­si­cas Geist” von Andrew Nor­riss (noch ein Geheim­tipp!) machen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-55677-6
Erscheinungsdatum: 31.August 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€ 
Seitenzahl: 288 
Übersetzer: Annette von der Weppen
Originaltitel: "Les petites reines" 
Originalverlag: Sarbacane

Französisches Originalcover: 
Clémentine Beauvais - Die Königinnen der Würstchen












Trailer & die Autorin:

"Die Königinnen der Würstchen" gibt es sogar schon als Theaterstück:

 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Französisches Cover: Homepage von Clémentine Beauvais

2 Kommentare

  1. Dani

    Das Buch hat mich auch total über­zeugt! Mireil­le ist eine wun­der­ba­re Haupt­fi­gur, die ich sofort als Freun­din haben möch­te und die einen tol­len, erfri­schen­den Blick auf die Welt hat. Die Bot­schaft des Buches ist klas­se und über­haupt war der Schreib­stil so rich­tig schön, woll­te gar nicht mehr auf­hö­ren 🙂

    Antworten
    1. Kasimira (Beitrag Autor)

      Hal­lo Dani,

      ja, da hast du Recht. Mireil­le ist ein wirk­lich lie­bens­wer­ter Cha­rak­ter. “Die Köni­gin­nen der Würst­chen” ist ein­fach ein rich­ti­ges Wohl­fühl­buch und wird sicher­lich eines mei­ner Haupt­emp­feh­lungs­ti­tel fürs kom­men­de Weih­nachts­ge­schäft sein:-)

      Lg Kasi­mi­ra

      Antworten

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