Claire Zorn — Klippen springen

Claire Zorn Klippen springen19.Juli 2016

Klip­pen sprin­gen” von der aus­tra­li­schen Auto­rin Clai­re Zorn ist ein Roman über ein jun­ges Mäd­chen, die mit dem Unfall­tod ihrer Schwes­ter und den Fol­gen von Mob­bing zurecht­kom­men muss und erst durch einen Jun­gen lernt, sich wie­der neu auf das Leben ein­zu­las­sen. Eine äußerst bewe­gen­de, schmerz­vol­le Geschich­te, die in Aus­tra­li­en zwei der renom­mier­tes­ten Prei­se für Jugend­li­te­ra­tur erhal­ten hat. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Aus­tra­li­en. In den Blue Moun­ta­ins. Die 15-jäh­ri­ge Han­nah lei­det immer wie­der unter Panik­at­ta­cken. Auch der Unfall­tod ihrer älte­ren Schwes­ter Katie vor fast einem Jahr macht ihr noch schwer zu schaf­fen. Sie war schon bei ver­schie­de­nen Psy­cho­lo­gen, ist momen­tan bei der Schul­psy­cho­lo­gin Anne in Behand­lung. In ihrer Fami­lie ist auch nichts mehr so, wie es ein­mal war: ihr Vater arbei­tet viel und ihre Mut­ter hat seit Katies Tod das Haus nicht mehr ver­las­sen. “Bizar­rer­wei­se bin ich fast lie­ber in der Schu­le. Zumin­dest wer­de ich dort abge­lenkt. Die Stun­den, in denen ich mit Mum allein zu Haus bin, deh­nen sich aus wie ein Oze­an, den ich mit gesenk­tem Kopf durch­schwim­men muss.” (Zitat S.31) Doch auch in der Schu­le ist nicht alles per­fekt. Han­nah ist zum abso­lu­ten Außen­sei­ter gewor­den. Wäh­rend sie vor dem Unfall ihrer Schwes­ter auf übels­te Wei­se gemobbt Claire Zorn Klippen springenwur­de, hat sie nun kei­ner­lei sozia­len Kon­tak­te mehr. Dar­um ist es für sie umso über­ra­schen­der, als ein neu­er Jun­ge in ihrer Jahr­gangs­stu­fe sich für sie zu inter­es­sie­ren scheint: “Auf dem Weg zur Türe füh­le ich, wie mir jemand auf die Schul­ter tippt. Ich zucke zusam­men. Als ich mich umdre­he, sehe ich Josh, der mein Buch Jane Eyre von Char­lot­te Bron­të in der Hand hält. “Das hast du fal­len las­sen”, sagt er. Seit fast einem Jahr ist es das ers­te Mal, dass ein Mit­schü­ler mir in die Augen sieht.” (Zitat S.29) Kann sie sich aus ihrem Schne­cken­haus wagen? Kann sie Josh ver­trau­en? Dann steht auch noch der Gerichts­pro­zess über den Unfall an. Bei dem sie aus­sa­gen soll. Doch ist Han­nah dazu in der Lage sich dem zu stel­len, was damals pas­siert ist?

Schon der ers­te Satz in “Klip­pen sprin­gen” springt einem gera­de­zu ins Auge: “Nur noch drei Mona­te, dann wird Katie nicht mehr mei­ne gro­ße Schwes­ter sein. (Dann schließt sich die Lücke zwi­schen uns und ich über­ho­le sie. Ich wer­de älter. Aber Katie wird für immer fünf­zehn Jah­re, elf Mona­te und ein­und­zwan­zig Tage alt blei­ben…)” (Zitat S.5) Der Roman ist in einer sehr ange­neh­men, flüs­si­gen Erzähl­form gehal­ten und wird durch­ge­hend aus Han­nahs Ich-Per­spek­ti­ve geschil­dert. Zwi­schen die Erleb­nis­se der Jetzt­zeit, die im Prä­sens geschrie­ben sind, schie­ben sich immer wie­der Erin­ne­run­gen oder Rück­blen­den an ver­gan­ge­ne Gescheh­nis­se, die mit “+++”-Zei­chen gekenn­zeich­net und in Ver­gan­gen­heits­form erzählt wer­den. Gera­de die­se Ein­schü­be sind sehr Claire Zorn Klippen springeninter­es­sant und machen es dem Leser mög­lich mehr über die Zusam­men­hän­ge zu erfah­ren. Denn Fra­gen tun sich beim Lesen jede Men­ge auf: War­um wur­de Han­nah gemobbt und war­um lässt man sie jetzt in Ruhe? Wie­so schwimmt sie nicht mehr? War­um hält kei­ner mehr zu ihr? Das größ­te Rät­sel stellt jedoch der Unfall selbst dar, über den man nur Bruch­stü­cke erfährt. War­um erin­nert sich Han­nahs Vater nicht mehr dar­an und wes­halb muss auch er vor Gericht? Es sind gera­de die weni­gen Infor­ma­tio­nen, die man nach und nach erhält, die einen beson­de­ren Reiz beim Lesen aus­ma­chen. Die Auto­rin streut die­se sehr geschickt in die Geschich­te ein. Bei­spiels­wei­se steht an jedem Kapi­tel­an­fang eine Lis­te, die Han­nah auf­ge­stellt hat, zu den unter­schied­lichs­ten The­men. Dadurch erfährt man auch erst all­mäh­lich von dem Mob­bing, unter dem sie so lan­ge gelit­ten hat: es gibt eine Lis­te über die Schimpf­wör­ter, die ihr die ande­ren an den Kopf geschmis­sen haben. Oder eine der Gegen­stän­de, die man mut­wil­lig beschä­digt hat. Das alles zu lesen, ist sehr ergrei­fend. Beson­ders die Ver­hält­nis­se, die Han­nah zu Hau­se erlebt. Das Leid ihrer Mut­ter: “Nichts dringt aus mei­nem Mund. Kein Laut. Die Stil­le zwi­schen uns ist gewal­tig. Obwohl ich weiß, dass die Stil­le sie zum Wei­nen bringt, krie­ge ich nichts her­aus. Es geschieht meist gegen Abend, dass sie die Kon­trol­le ver­liert und stum­me Trä­nen weint. Dad schweigt, denn im Ernst, was könn­te man schon sagen? […] Also sit­ze ich meist ein­fach nur da und tue so, als sei ich zu tief in Gedan­ken ver­sun­ken, um zu bemer­ken, dass mei­ne Mut­ter hier in der Küche neben dem Kühl­schrank lang­sam den Ver­stand ver­liert.” (Zitat S.31ff) Und die Qual ihres Vaters: “Sein Gesicht ist schmerz­ver­zerrt, obwohl er sich bemüht, es zu ver­ber­gen. […] Er hat drei Stahl­nä­gel in jedem Bein und wir nie wie­der jog­gen kön­nen. Ich habe ihn nie dar­über kla­gen hören. […] Es ist so selt­sam, den eige­nen Vater so kraft­los zu sehen. Den Vater, Claire Zorn Klippen springender uns über den Kopf stemm­te und der jetzt Unmen­gen von Schmerz­ta­blet­ten schluckt und nicht mehr in der Lage ist, län­ger als eine Stun­de zu ste­hen.” (Zitat S.74) Einen beson­ders erfri­schen­den Cha­rak­ter stellt die Schul­psy­cho­lo­gin Anne dar, die anders redet und agiert, als man es von einer Psy­cho­lo­gin eigent­lich erwar­tet: “In allen Fächern bist du unter den fünf Bes­ten, außer in Mathe und Sport. Weißt du, wo das Ein­kaufs­zen­trum ist?” Das ist eine selt­sa­me Fra­ge. “Äh, ja.” “Schön, dann geh hin und besorg dir einen Taschen­rech­ner. Dann ist das Pro­blem gelöst.” Sie lächelt. “Dei­ne Noten haben sich nach dem Tod dei­ner Schwes­ter nicht ver­schlech­tert. Offen­sicht­lich stimmt was nicht mit dir.” “Okay.” “Das soll­te ein Witz sein.” (Zitat S.18ff) Gegen Ende hät­te ich mir per­sön­lich noch irgend­ein uner­war­te­tes Detail gewünscht, das auf­ge­löst wird und der Geschich­te noch eine gewis­se Wür­ze gibt. Dies ist lei­der jedoch nicht der Fall.

Clai­re Zorn hat im Deut­schen bis­her nur die­ses eine Buch ver­öf­fent­licht. Ein Mäd­chen, das zwar nicht gemobbt wird, aber auch einen LesealternativenTodes­fall in der Fami­lie erlebt hat und wie­der ler­nen muss ande­ren Men­schen zu ver­trau­en, fin­dest du in “Nur die­ser eine Som­mer” von Becky Citra. Zwei sehr bewe­gen­de Geschich­ten über Mob­bing sind “Die Welt wär bes­ser ohne dich” von Sarah Darer Litt­man und “Unsicht­ba­re Wun­den” von Astrid Frank. Oder lies die Schwes­tern­ge­schich­te “In dei­nem Licht und Schat­ten” von Loui­sa Reid, in der eben­falls eine gestor­ben ist und das Rät­sel dar­um erst lang­sam gelöst wird. Sehr emo­tio­nal geschrie­ben! Eine rich­tig schö­ne Neu­erschei­nung ist “Wenn du mich küsst” von Julia­na Stone, in dem die Prot­ago­nis­tin unter dem Tod ihres klei­nen Bru­ders lei­det und durch die Lie­be lernt das Leben wie­der zu genie­ßen — Lese­tipp!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20220-6
Erscheinungsdatum: 15.Juli 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 256 
Übersetzer: "The Protected"
Originaltitel: Inge Wehrmann
Originalverlag: University of Queensland Press 

Australisches Originalcover:
Claire Zorn Klippen springen








Kasimiras Bewertung:

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Australisches Cover: Homepage von University of Queensland Press

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