Bettina Obrecht — Opferland: Wenn die anderen dich kaputt machen

Bettina Obrecht Opferland22.Oktober 2014

Opfer­land: Wenn die ande­ren dich kaputt machen“ von der deut­schen Auto­rin Bet­ti­na Obrecht ist ein Buch, das sich mit Mob­bing und des­sen Fol­gen aus­ein­an­der­setzt. Ein sehr bewe­gen­der und in jugend­li­cher Spra­che gehal­te­ner Roman, der ein­fühl­sam geschrie­ben ist und nach­denk­lich macht. Für Jugend­li­che ab 12 Jahren.

Ced­ric ist 15 Jah­re alt und wohnt seit eini­ger Zeit nicht mehr zu Hau­se. Er ist zu Bekann­ten sei­ner Eltern gezo­gen, um auf eine ande­re Schu­le, weit weg von daheim, gehen zu kön­nen. In sei­ner alten hat er es nicht mehr aus­ge­hal­ten. Täg­li­ches, übels­tes Mob­bing sei­ner Mit­schü­ler hat sei­nen All­tag bestimmt. Doch auch wenn er jetzt ver­sucht mög­lichst unauf­fäl­lig und ange­passt zu blei­ben, holt ihn die Ver­gan­gen­heit den­noch wie­der ein: in der Thea­ter­grup­pe, in der er bis­her ger­ne Mit­glied war, soll ein Stück über Mob­bing auf­ge­führt wer­den und aus­ge­rech­net Ced­ric ist für die Haupt­rol­le vor­ge­se­hen! Das passt ihm gar nicht und das lässt er auch sei­nen Lei­ter laut­stark spü­ren. Als ihn Lars — einer der belieb­tes­ten Mit­schü­ler der Grup­pe – aus Spaß „Opfer“ nennt, ras­tet Ced­ric aus. Er schlägt Lars direkt ins Gesicht. Sin­ja, das Mäd­chen, mit der er befreun­det ist, ist total über­rascht über sei­nen uner­war­te­ten Aus­bruch. Zumal er in sei­nem gan­zen Leben noch nie jeman­den geschla­gen hat. Aber Ced­ric hat ihr auch nichts von sei­ner Ver­gan­gen­heit erzählt. Doch bald dar­auf ver­sucht Lars her­aus­zu­be­kom­men, war­um Ced­ric die Schu­le gewech­selt hat. Mit­tels Face­book star­tet er einen Auf­ruf und ver­öf­fent­licht ein heim­lich geschos­se­nes Foto von Ced­ric. Geht jetzt schon wie­der alles von vor­ne los?

Opfer­land: Wenn die ande­ren dich kaputt machen“ wird durch­gän­gig aus Ced­rics Per­spek­ti­ve erzählt. Zu Beginn muss­te ich mich ein wenig an die Spra­che gewöh­nen, die sehr an der der Jugend­li­chen ori­en­tiert ist. Es heißt hier nicht „schla­gen“, son­dern „auf die Fres­se hau­en“, nicht „lau­fen“, son­dern „lat­schen“, nicht „betrun­ken“, son­dern „besof­fen“. Aller­dings sind die­se Aus­drü­cke wirk­lich nur spo­ra­disch zu fin­den und füh­ren irgend­wie auch zu einer gewis­sen Authen­ti­zi­tät der Haupt­fi­gur.
Ins­ge­samt ist „Opfer­land: Wenn die ande­ren dich kaputt machen“ sehr flüs­sig und ange­nehm zu lesen. In Ced­ric kann man sich sehr gut ein­füh­len. Er erzählt abwech­selnd aus der jet­zi­gen Zeit und (in kur­si­ver Schrift) aus der Ver­gan­gen­heit, in der sich das Mob­bing ereig­net hat. Die­ses hat schon in der Grund­schu­le gleich in der ers­ten Klas­se begon­nen, als er mit Trä­nen in den Augen in die neue, frem­de Klas­se kam und ein Jun­ge ihn „Mäd­chen!“ nann­te. Ced­ric ver­stand dies zunächst nicht ein­mal als Schimpf­wort, da er mit Mäd­chen eigent­lich sehr gut aus­kam. Doch er inter­es­sier­te sich eben nicht für Fuß­ball und wein­te öfters, da sei­ne Eltern mit ihm in eine frem­de Stadt gezo­gen sind.
Bettina Obrecht OpferlandEs ist erschre­ckend zu lesen, wie schnell sich Mob­bing aus­brei­ten kann. Bald ärgern ihn sogar Kin­der aus ande­ren Klas­sen. Irgend­wann kennt ihn die gan­ze Schu­le. Ced­ric ist macht­los gegen die Anfein­dun­gen sei­ner Mit­schü­ler, selbst Leh­rer bezeich­nen ihn als „Unru­he­stif­ter“, weil er sich nicht anders zu hel­fen weiß, als laut „Lass das!“ zu rufen oder mit Schimpf­wör­tern um sich zu wer­fen, wenn die ande­ren ihn mit Papier­kü­gel­chen, Radier­gum­mis oder Tan­nen­zap­fen beschmei­ßen. Auch ist er über­aus intel­li­gent und lang­weilt sich im Unter­richt, weil er das Meis­te bereits kann. Die Leh­rer rufen ihn nie auf, weil sie den ande­ren Schü­lern auch eine Chan­ce geben wol­len und er ja ohne­hin alles weiß. Wenn er dann jedoch in sein Heft zeich­net, weil er unter­for­dert ist, wird er auch ange­me­ckert, weil er angeb­lich nicht aufpasst.
Die Span­nung wird in „Opfer­land: Wenn die ande­ren dich kaputt machen“ durch­gän­gig gehal­ten, die Fra­ge nach der Schuld zieht sich durch den gan­zen Roman. Hat Ced­ric eine Mit­schuld? Hät­te er etwas anders machen kön­nen? Oder wur­de er ein­fach zum Opfer? Was hät­ten die Leh­rer bes­ser machen kön­nen? Wie hät­te man ihm hel­fen können?
Inter­es­sant gestal­tet fand ich auch das Cover: auf der Vor­der­sei­te ist eine Schlan­ge in blau (=Täter) und ein Hase in rot (=Opfer) dar­ge­stellt. In dem Titel „Opfer­land“ ist aber „Opfer“ blau geschrie­ben. Eigent­lich müss­te das Opfer ja der Hase sein und nicht die Schlan­ge. Auf der Rück­sei­te sind die Far­ben der Tie­re aller­dings wie­der ver­tauscht. Auch die­se Gestal­tung lässt Rück­schlüs­se dar­auf zu, dass die Schuld­fra­ge nicht immer ein­deu­tig geklärt wer­den kann. Die Geschich­te macht in jedem Fal­le nach­denk­lich, erschüt­tert und zeigt wie hilf­los und ver­zwei­felt man sich als Gemobb­ter füh­len kann. Ob und was man dage­gen tun kann, zeigt der Roman gegen Ende auf sehr bezeich­nen­de Weise.

Bücher, die ähn­lich erschüt­tern, ange­sichts des­sen, was den Haupt­per­so­nen wider­fährt Lesealternativen(unab­hän­gig von Mob­bing), sind zum Bei­spiel „In dei­nem Licht und Schat­ten“ von Loui­sa Reid und Das Schwei­gen in mei­nem Kopf“ von Kim Hood. Lesens­wer­te Roma­ne zum The­ma Mob­bing sind “Die Liga der Guten” von Rüdi­ger Bertram, „Wun­der” von Raquel J. Pala­cio (Deut­scher Jugend­li­te­ra­tur­preis 2014, von den Jugend­li­chen selbst gewählt!), Tau­send Mal gedenk ich dein” von Hei­ke Eva Schmidt und Match­box Boy“ von Ali­ce Gaba­thuler. Eine aktu­el­le Neu­erschei­nung wäre Weil es nie auf­hört“ von Man­fred Thei­sen, der sich im Beson­de­ren mit Cyber­mob­bing aus­ein­an­der­setzt. Er hat jedoch auch einen Roman spe­zi­ell nur zum The­ma Mob­bing geschrie­ben: Täg­lich die Angst“. Eine wei­te­re Novi­tät ist „Wie ein flam­men­der Schrei“ von Mats Wahl, der sehr genau zeigt, was auf (schwe­di­schen) Schul­hö­fen so los ist.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj
ISBN: 978-3-570-40248-1
Erscheinungsdatum: 13.Oktober 2014
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 7,99€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

 

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2.Bild v.oben: © Anne Garti/pixelio.de

1 Kommentar

  1. Beatrix Petrikowski

    Die Ver­zweif­lung eines Gemobb­ten zeich­net das Jugend­buch rea­lis­tisch nach und es kann auf jeden Fall jun­gen Leu­ten, wie auch den Eltern und Leh­rern emp­foh­len werden.

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