Arne Svingen — Die Ballade von der gebrochenen Nase

Arne Svingen Die Ballade von der gebrochenen Nase 28.Oktober 2015

Wie Boxen und Musik zusam­men­pas­sen kann (oder auch nicht;-)), das zeigt der nor­we­gi­sche Autor Arne Svin­g­en in sei­nem Roman “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase”. Er erzählt vom Erwach­sen­wer­den, von Stär­ken und Schwä­chen und dem Mut, zu sich selbst zu ste­hen. Auf beschwing­te und zugleich erns­te Wei­se und mit viel Situa­ti­ons­ko­mik. Ein kurz­wei­li­ges (192S.) und sehr schö­nes Buch! Beson­ders für Jungs ab 12 Jah­ren geeig­net.

Nor­we­gen. Sei­ne Mut­ter hat den 12-jäh­ri­gen Bart nach einer Figur aus den “Simp­sons” benannt. Etwas Gro­ßes soll aus ihm wer­den. Und hart im Neh­men, das soll er am bes­ten auch sein. Des­halb schickt sei­ne Mut­ter, die zuwei­len mal ver­gisst die Strom­rech­nun­gen zu bezah­len und ihr Geld vom Sozi­al­amt bekommt, ihn auch zum Boxen. “Ich glau­be, Mama hät­te ger­ne einen Sohn, der här­ter im Neh­men ist. Des­halb gehe ich zum Boxen. Irgend­wann wirst du mir dafür dank­bar sein, dass du das gelernt hast, sagt Mama immer. Nicht, dass ich jemals Geld­ein­trei­ber oder Auf­trags­kil­ler wer­den möch­te, aber es kann doch sein, dass jemand vor­hat, mich zum Krüp­pel zu schla­gen. Und dann kann es ja sein, dass ich Mama dank­bar bin. Es kommt ein biss­chen dar­auf an, wer gewinnt.” (Zitat aus “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase” S.12). Barts gro­ße Lei­den­schaft hin­ge­gen ist das Arne Svingen Die Ballade von der gebrochenen NaseSin­gen von Opern. Aller­dings kann er nur allei­ne auf der Toi­let­te sin­gen, ohne Publi­kum. Nicht mal vor sei­ner Mut­ter und sei­ner Oma bringt er einen Ton her­aus. “Klar hab ich davon geträumt, auf einer Büh­ne zu ste­hen und Applaus und Jubel zu erle­ben. Die­ses Gefühl ist ver­mut­lich noch bes­ser als fan­tas­tisch. Aber es wird nicht pas­sie­ren. Das Schö­ne an mir ist, dass ich ein­fach hin­neh­me, dass sich im Leben eben nicht alles fin­det. Nur Trot­tel glau­ben, dass es gut aus­geht.” (Zitat S.34) Bart ist ein sehr genüg­sa­mer Mensch. So möch­te er auch nicht, dass in der Schu­le jemand von sei­nem Hob­by weiß. Der schö­nen Ada, die im Unter­richt sitzt, erzählt er lie­ber, dass er Fotos von Mas­sen­mör­dern sam­melt. So etwas ist viel coo­ler. Doch eines Tages fin­det sie das mit dem Sin­gen her­aus und als Bart ihr aus­nahms­wei­se eine Ton­auf­nah­me sei­ner Stim­me aus­leiht, plau­dert sie sein Geheim­nis aus. Das hat unge­ahn­te Fol­gen. Denn an der Schu­le soll ein Som­mer­fest mit einer Talent­show statt­fin­den, an dem die Klas­sen gegen­ein­an­der antre­ten. Der Leh­rer ist ganz aus dem Häus­chen, als er Barts Auf­nah­me hört. Und auch bei den ande­ren Schü­lern ist der sons­ti­ge nur mit­tel­be­lieb­te Jun­ge plötz­lich gefrag­ter. Er soll unbe­dingt an dem Wett­be­werb teil­neh­men! Arne Svingen Die Ballade von der gebrochenen Nase“Was glaubst du, wie die Ant­wort lau­tet, Bart?” frag­te unser Leh­rer in der nächs­ten Stun­de vorn an der Tafel. “Äh”, fan­ge ich an und weiß nicht mal, wel­ches Fach gera­de dran ist, “Ich hab eigent­lich gera­de vor allem ans Sin­gen gedacht”, sage ich dann. “Das ist gut so, Bart. Wirk­lich gut so. Mach nur wei­ter. Ich frag ein­fach jemand ande­ren.” (Zitat S.50). Aber dann erzählt Ada aus Ver­se­hen auch von ihrem Besuch bei Bart Zuhau­se. Dass er in einer Sozi­al­woh­nung lebt und sei­ne Mut­ter über­ge­wich­tig ist. Jetzt ist mit einem Male sogar Bertram — der größ­te Außen­sei­ter der Klas­se, der auf dem Som­mer­fest rap­pen will — belieb­ter als Bart! Bart, der auf ein­mal gemobbt wird. Die Talent­show scheint sei­ne ein­zi­ge Chan­ce zu sein, es allen zu zei­gen. Aber wie soll er das bloß mit dem Sin­gen machen? Wo er doch in Gesell­schaft ande­rer kei­nen rich­ti­gen Ton her­aus­bringt…?

Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase” fällt sogleich durch sein Cover auf, das wirk­lich schön gemacht ist und vor allem sehr tref­fend im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Bart ist ein unheim­lich sym­pa­thi­scher Cha­rak­ter. Lie­bens­wert, genüg­sam und sehr opti­mis­tisch. Das zeigt schon der ers­te Satz des Romans, als er beim Box­trai­ning einen Schlag ins Gesicht abbe­kommt: “Das macht doch nichts. So was pas­siert.” (Zitat S.5) Er zeigt sehr viel Ver­ständ­nis. Für sei­nen Box­part­ner (“Aber der Schmerz geht vor­über, und ich kann ja immer noch sehen.” (Zitat S.6)). Für Ada, als sie sei­ne Geheim­nis­se aus­plau­dert (er kann ihr nicht wirk­lich böse sein). Und für sei­ne Mut­ter, die manch­mal ver­gisst etwas fürs Abend­essen mit­zu­brin­gen und es dann nur Salz­stan­gen oder Donats gibt. Oder auch wenn ein Herr plArne Svingen Die Ballade von der gebrochenen Naseötz­lich vor der Türe steht und einen Auf­trag hat: Ich muss lei­der bei euch den Strom abdre­hen.” Es kommt vor, dass Mama mit den Rech­nun­gen in Ver­zug gerät. Das kann doch allen mal pas­sie­ren. […] “Sie hat das sicher ein­fach nur ver­ges­sen.” “Seit über einem Jahr?” (Zitat S.8/9) Bart berich­tet in der Ich-Per­spek­ti­ve, erzählt dem Leser sei­ne Geschich­te, wenn er ihn auch nicht direkt anspricht, son­dern For­mu­lie­run­gen wie “Jetzt denkt sicher irgend­wer…” (Zitat S.13) “Jetzt glaubt sicher irgend­wer, ich wäre…” (Zitat S.14) ver­wen­det. Die Sät­ze sind recht ein­fach und schlicht gehal­ten. Man­che Wahr­hei­ten hält Bart durch sei­nen Erzähl­stil jedoch auch zurück. Bei­spiels­wei­se spricht sein Trai­ner ihn eines Tages dar­auf an, ob denn das Boxen wirk­lich das Rich­ti­ge für ihn sei. Und es kommt erst all­mäh­lich her­aus, dass er mit der Ver­tei­di­gung nun zwar schon so sei­ne Erfah­run­gen hat aber das Schla­gen selbst noch nie aus­pro­biert hat. Auch die Ver­hält­nis­se, in denen er mit sei­ner Mut­ter lebt, tre­ten erst wirk­lich zum Vor­schein, als Ada ihn zu Hau­se besucht: “Ver­mut­lich hät­te ich die Woh­nung schon längst beschrei­ben sol­len. Aber das hat sich irgend­wie nicht so erge­ben. Wir woh­nen nicht in so einer Woh­nung, die die Immo­bi­li­en­mak­ler als luxu­ri­ös bezeich­nen. Mama und ich woh­nen in einem Zim­mer. Ich schla­fe auf einem Schlaf­sofa und Mama auf einem nor­ma­len Sofa.” (Zitat S.55/56) Viel unter­schwel­li­ge Iro­nie fin­det sich in “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase”, es gibt vie­le Momen­te, in denen man echt Schmun­zeln muss. Beson­ders die Bot­schaft des Romans hat mir gut gefal­len: ein jeder hat sein eige­nes Tem­po, um sich an man­che Din­ge her­an­zu­wa­gen. Aus­dau­er und Mut zu haben, am Ende zahlt es sich aus!

Fazit: Ein sehr emp­feh­lens­wer­tes Buch!

LesealternativenDie wohl bes­te Alter­na­ti­ve zu “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase” ist der Roman von T.S. Eas­ton “Ben Flet­chers total genia­le Maschen”. Auch hier hat die Haupt­per­son ein total unge­wöhn­li­ches Talent ent­deckt: das Stri­cken, das es geheim zu hal­ten gilt. Vor dem Vater gibt er lie­ber vor einen Töp­fer­kurs zu besu­chen. Ein Mäd­chen und ein Wett­be­werb ändern jedoch alles… Sehr gut kann ich mir auch den Roman der fran­zö­si­schen Best­sel­ler­au­to­rin Marie-Aude Murail vor­stel­len: “Über kurz oder lang”, über einen Jun­gen, der Talent fürs Haa­re­schnei­den hat und eine Lauf­bahn ein­schlägt, mit der nie­mand gerech­net hät­te. Bei­de Roma­ne sind eben­falls sehr humor­voll geschrie­ben.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Boje
ISBN: 978-3-414-82431-8
Erscheinungsdatum: 8.Oktober 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,99€
Seitenzahl: 192
Übersetzer: Gabriele Haefs
Originaltitel: "Sangen om en brukket nese"
Originalverlag: Gyldendal

Norwegisches Originalcover: 
Arne Svingen Die Ballade von der gebrochenen Nase











Schwedischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 

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Norwegisches Cover: Homepage von Arne Svingen

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