Antonia Michaelis — Im Auge des Leuchtturms

Antonia Michaelis Im Auge des Leuchtturms16.Juli 2015

End­lich wie­der neu­es Lese­fut­ter von der Meis­te­rin des Erzäh­lens: Die deut­sche Auto­rin Anto­nia Michae­lis ent­führt ihre Leser in “Im Auge des Leucht­turms” an die raue Nord­see auf eine klei­ne Insel nahe Amrum. In ihrem Kri­mi drängt sich die Ver­gan­gen­heit unauf­halt­sam in das wohl sor­tier­te Leben einer Kar­rie­re­frau und bringt die­se dazu, sich hier­mit aus­ein­an­der­zu­set­zen. Sprach­lich bril­lant. Dicht erzählt und sehr atmo­sphä­risch. Für Erwach­se­ne und Jugend­li­che ab 16 Jah­ren.

Die 36-jäh­ri­ge Natha­lie Schwarz, genannt Nada, hat ihr Leben per­fekt im Griff. Zusam­men mit dem homo­se­xu­el­len Frank hat sie eine Restau­rant­ket­te in Ber­lin eröff­net — Häu­ser, die vor Licht nur so erstrah­len und in aller Mun­de sind. 19-Stun­den-Tage sind für sie nor­mal. Urlaub hat sie schon seit über zehn Jah­ren nicht mehr gemacht. Freun­de zu haben, damit hat Nada schon seit Län­ge­rem auf­ge­hört, für die hät­te sie — so wie für ihre Eltern — ohne­hin kei­ne Zeit. Jede Minu­te ihres Lebens ist durch­ge­tak­tet. Sie hat alles bis ins kleins­te Detail geplant und orga­ni­siert alles und jeden. Dazu hel­fen ihr vor allem ihre drei Ter­min­pla­ner und ihre Lis­ten, die sie sich schreibt: “Durch die Lis­ten konn­te sie gleich­zei­tig befeh­len und gehor­chen, sie war ihre eige­ne Her­rin, indem sie die Lis­ten schrieb, und ihre eige­ne Skla­vin, indem sie sie abar­bei­te­te, Antonia Michaelis Im Auge des Leuchtturmsund wenn sie es nicht in der vor­ge­se­he­nen Zeit schaff­te, konn­te sie sich selbst bestra­fen, indem sie sich die Abar­bei­tung einer wei­te­ren Lis­te befahl: eine Art auto­ero­ti­sches Sado­ma­so­spiel — aller­dings ohne jeden ero­ti­schen Reiz.” (Zitat aus “Im Auge des Leucht­turms” S.51) Bis eines Tages eine Post­kar­te auf­taucht, die alles ver­än­dert. Nada kennt näm­lich nie­man­den, der ihr eine Post­kar­te schrei­ben könn­te. Und doch kommt ihr das Motiv dar­auf — ein Leucht­turm — selt­sam bekannt vor. Die Kar­te ist mit einem sal­ze­nen Rand ver­se­hen, als wäre sie nass gewe­sen, nass von Mee­res­was­ser. Dar­auf steht: “Komm her. Es ist wich­tig, dass du kommst. Man kann bis hin­ter den Hori­zont sehen, wenn man ganz lei­se ist. Das alte Feri­en­haus steht leer. Die Dun­kel­heit ist noch da. Komm trotz­dem. Ver­giss, was gesche­hen ist. Ich brau­che einen Anker. Fra­ge dich nicht, wer ich bin. Ich war­te.” (Zitat S.10) Plötz­lich hört Nada Mee­res­rau­schen, wo kein Mee­res­rau­schen sein kann und die Stim­men einer Ver­gan­gen­heit, derer sie sich nicht ent­sin­nen kann, drän­gen sich in ihr auf. Nach einem Zusam­men­bruch und der Erkennt­nis, dass ihre Eltern ein Feri­en­haus auf einer klei­nen Insel nahe Amrum besit­zen, beschließt Nada dem Gan­zen auf die Spur zu gehen…

Im Auge des Leucht­turms” wird haupt­säch­lich aus Nadas Per­spek­ti­ve berich­tet, nur zuwei­len ist es Franks Sicht und die eini­ger Neben­fi­gu­ren, die beschrie­ben wer­den. Anto­nia Michae­lis spielt auf inter­es­san­te Wei­se mit den Ele­men­ten Licht und Dun­kel­heit, sie schafft meh­re­re Ebe­nen in einem Roman, was mich zeit­wei­se ein wenig an ihren Erfolgs­ti­tel “Der Mär­chen­er­zäh­ler” erin­ner­te. Was ist Traum? Was ist Rea­li­tät? Antonia Michaelis Im Auge des LeuchtturmsDie Gren­zen sind flie­ßend und das Geheim­nis­vol­le durch­zieht das Buch wie ein roter Faden. Die Prot­ago­nis­tin gleicht eher einer Maschi­ne, die nur funk­tio­niert, ist äußerst distan­ziert und emo­ti­ons­los: “Nada hat­te kei­ne Bezie­hung zu ihren Klei­dern. Sie moch­te die Her­ren­schlaf­an­zü­ge nicht, und sie moch­te sie nicht nicht. Mit den Her­ren, mit denen sie bis­wei­len schlief, war es genau­so.” (Zitat S.12) Es ist fas­zi­nie­rend zu ver­fol­gen, wie sich etwas Wei­ches, Zar­tes in ihr nach oben kämpft, das sie lan­ge Zeit unter­drückt und ver­steckt hat: “Da war etwas Wei­ches in all ihrer Här­te, etwas Win­zi­ges, Schim­mern­des, manch­mal sah er es in ihren Augen, unter der schrof­fen Ober­flä­che, ein Stück einer ande­ren, lan­ge ver­ges­se­nen, ver­lo­re­nen Nada. […] Etwas war gesche­hen, vor lan­ger Zeit, das sie zu dem gemacht hat­te, was sie war. Etwas, an das sie sich womög­lich nicht erin­ner­te.” (Zitat S.140/141) Es ist der Kampf dafür sich end­lich wie­der zu erin­nern, den Nada führt, aber zugleich auch der Kampf gegen die dadurch ent­ste­hen­de Ver­letz­lich­keit, die sie immer wie­der in sich spürt. Es sind die Stär­ke, die Kon­trol­le und die Macht über ihr gut funk­tio­nie­ren­des Leben, die sie so schnell und so bedin­gungs­los ein­fach nicht auf­ge­ben möch­te: “…“Halt mich fest”. Es war ihr unan­ge­nehm, dar­an zu den­ken, dass sie das gesagt hat­te. […] Lächer­lich. Nie­mand konn­te sie fest­hal­ten. Sie war stark genug, sich selbst fest­zu­hal­ten, sie war stär­ker als die ande­ren, viel stär­ker. Sie war Nada Schwarz. Ver­dammt, sie hat­te bei­na­he ein Leben lang dar­an gear­bei­tet, Nada Schwarz zu wer­den und zu sein.” (Zitat S.225)Antonia Michaelis Im Auge des Leuchtturms
Der Pro­zess des Erin­nerns ist nicht immer ein­fach, vie­le Ele­men­te spie­len hier­bei eine Rol­le, aber vor allem ihre Träu­me, in denen sie jedes Mal in einem Leucht­turm erwacht, der mit Kis­ten von unauf­ge­bau­ten, funk­ti­ons­lo­sen IKEA-Möbeln voll­ge­stellt ist, die Nada ver­sucht zusam­men­zu­set­zen. In die­sem Leucht­turm gibt es auch ein Tele­fon, das immer wie­der klin­gelt und jedes Mal an einem ande­ren Ort steht. Der Anru­fer ist ein namen­lo­ses Kind, das in einem dunk­len Raum ein­ge­sperrt zu sein scheint. Und bald taucht da auch noch die­ser Mann auf, den der Sturm her­bei­ge­weht hat…
Sprach­lich gese­hen ist das Buch wie­der äußerst bril­lant geschrie­ben, ein viel­schich­ti­ger Kri­mi auf lite­ra­risch hohen Niveau, der packend, zuwei­len dra­ma­tisch und nicht so ein­fach zu durch­schau­en ist. Erst all­mäh­lich ent­steht eine Ahnung, was damals Furcht­ba­res gesche­hen sein könn­te. Dem Nach­zu­fol­gen wird vor allem gegen Ende unheim­lich span­nend!

Fazit: Defi­ni­tiv eine Lek­tü­re, die sich zu lesen lohnt!

Anto­nia Michae­lis hat noch einen Kri­mi für Erwach­se­ne geschrie­ben: “Fried­hofs­kind”, die aber bei­de völ­lig unab­hän­gig von­ein­an­der sind. Eben­falls für Erwach­se­ne ist Para­dies für alle” (das mir sLesealternativenehr gut gefal­len hat) und “Das Insti­tut der letz­ten Wün­sche”. Jugend­bü­cher ab 1516 Jah­ren von ihr sind Der Mär­chen­er­zäh­ler” (her­aus­ra­gend, eines ihrer bes­ten Bücher!), “Die Wor­te der wei­ßen Köni­gin” (berüh­rend!), Solan­ge die Nach­ti­gall singt” (klas­se!), “Nash­ville oder das Wolfs­spiel” (hat mir nicht ganz so gut gefal­len), “Nie­mand liebt Novem­ber” (toll!). Wenn du inhalt­li­che Alter­na­ti­ven zu “Im Auge des Leucht­turms” lesen möch­test, dann könn­te “Scher­ben­mäd­chen” von Liz Coley etwas für dich sein, in dem sie Haupt­fi­gur eben­falls an etwas zer­bro­chen ist, das vor eini­ger Zeit gesche­hen ist und das sie Stück für Stück ver­ar­bei­ten muss. Sprach­lich auch bril­lant  erzählt und gleich­zei­tig eine Suche nach der Ver­gan­gen­heit ist Zer­trenn­lich” von Sas­kia Sarg­in­son. Sich an ihre Kind­heit lang­sam zurück­er­in­nern, das müs­sen eben­so die Haupt­fi­gu­ren in “Schat­ten­grund” von Eli­sa­beth Herr­mann, Die ein­zi­ge Zeu­gin” von Anne Cas­sidy und “Shi­ne” von R.A. Nel­son.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Emons
ISBN: 978-3-95451-675-9
Erscheinungsdatum: 16.Juli 2015
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 312
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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