Anne Eliot — Almost

Anne Eliot Almost3.April 2016

Almost” von der ame­ri­ka­ni­schen Auto­rin Anne Eli­ot erschien zunächst in einem Self-Publi­shing-Ver­lag. Doch weil es so erfolg­reich war, nahm ein gro­ßes Ver­lags­haus die Auto­rin unter Ver­trag. Jetzt ist das Buch auch auf Deutsch erschie­nen. Ein Roman über Schat­ten der Ver­gan­gen­heit, die ein jun­ges Mäd­chen nicht los­las­sen. Über eine ver­trag­lich geplan­te Schein­be­zie­hung und eine unge­plan­te Lie­be. Herr­lich erfri­schend! Vol­ler Iro­nie und Wort­witz. Ein rich­tig coo­les, roman­ti­sches und zudem emo­tio­nal sehr ergrei­fen­des Buch. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Die 17-jäh­ri­ge Jess ist eine Meis­te­rin der Selbst­kon­trol­le. Vor dem Spie­gel hat sie sich ver­schie­dens­te Gesichts­aus­drü­cke antrai­niert, um ihre Umge­bung zu täu­schen: “…mit bei­ßen­dem Spott, töd­li­cher Ver­ach­tung und einem stän­dig wach­sen­den Reper­toire an ziem­lich effek­ti­ven “Ver­piss dich”-Mimiken” (Zitat aus “Almost” S.12) hält sie ihre Mit­schü­ler auf Abstand. Freun­de hat sie kei­ne. Alp­träu­me hin­ge­gen jede Men­ge. Und das schon seit drei Jah­ren. Sie ist in psy­cho­lo­gi­scher Behand­lung. Seit eines ver­häng­nis­vol­len Abends, der ihr Leben zer­stör­te. Als sie jemand Anne Eliot Almostauf einer Par­ty fast ver­ge­wal­tigt hät­te. Doch obwohl es ihr auch jetzt nicht wirk­lich bes­ser geht, möch­te sie unbe­dingt wie­der den Anschein der Nor­ma­li­tät erwe­cken. “Wenn ich noch mehr “Fort­schrit­te” mache (Moms Lieb­lings­for­mu­lie­rung), darf ich mich nächs­tes Jahr an Col­le­ges bewer­ben. Das haben sie mir ver­spro­chen. Und das bedeu­tet, dass ich end­lich mein Leben zurück­krie­ge. Dass ich nicht län­ger unter dem Mikro­skop mei­ner Eltern bin und ins Stu­den­ten­wohn­heim zie­hen kann.” (Zitat S.12ff) Um nor­mal zu sein, braucht Jess die­sen einen Feri­en­job bei einem nam­haf­ten Pro­dukt­her­stel­ler. Durch ein Aus­wahl­ver­fah­ren hat sie es geschafft unter die letz­ten zwei Bewer­ber zu kom­men. Nun sind nur noch sie und Gray übrig, ein Jun­ge aus ihrer Schu­le, mit dem sie aller­dings kaum zu tun hat. “Erstaun­li­cher­wei­se hält er mei­nem Blick immer noch stand, trotz der Eis­zap­fen­pro­jek­ti­le, die ich auf ihn abfeue­re.” (Zitat S.28) Denn auch Gray will die sehr gut bezahl­te Stel­le, weil er das Geld für sei­ne beruf­li­che Zukunft braucht. Und so schlie­ßen sie einen unge­wöhn­li­chen Pakt: Gray spielt ihren Fake-Freund und dafür tei­len sie sich das Prak­ti­kum und Jess ver­zich­tet auf den Lohn. Schließ­lich wür­de vor allem das Vor­han­den­sein eines Freun­des sehr “nor­mal” auf ihre Eltern wir­ken. Doch so ein­fach wie gedacht, wird das Gan­ze nicht — auf ein­mal kom­men Gefüh­le ins Spiel und Gray muss das Ver­spre­chen bre­chen, das er damals Jess’ Eltern gege­ben hat. Dass er sie in Ruhe lässt. Dass er sich ihr nicht nähert. Denn auch Gray war damals in die­ser Nacht, als die betrun­ke­ne Jess fast ver­ge­wal­tigt wur­de, dabei und hat eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt. Aber dar­an erin­nert sich Jess nicht mehr… was wenn ihre Erin­ne­run­gen zurückkehren?

Anne Eliot AlmostAlmost” ist ein rich­tig schö­ner 458-Sei­ten-dicker Schmö­ker! Ein Roman, der mit Tief­gang und Roman­tik zu über­zeu­gen weiß und die sehr tra­gi­sche, aber abso­lut bewe­gen­de Geschich­te eines Mäd­chens erzählt, das ein schwe­res Trau­ma erlebt hat und noch immer dar­un­ter lei­det. “Mein The­ra­peut hat gesagt, dass, falls ich mal von jeman­dem über­rum­pelt wer­de — von einem Jun­gen, der sich mir nähert, der mich berührt -, dass dann alles, aber wirk­lich alles pas­sie­ren kann. Zum Bei­spiel auch, dass ich kom­plett durch­dre­he.” (Zitat S.42) Seit Jah­ren lei­det Jess unter Alp­träu­men, die sie näch­te­lang nur wei­nen oder schrei­en haben las­sen. Zunächst hat sie noch ver­sucht ihre Träu­me mit Hil­fe ihres The­ra­peu­ten zu ent­schlüs­seln — Bruch­stü­cke der Schick­sals­nacht, an die sie sich nicht mehr voll­stän­dig erin­nert — aber auch das hat es nicht bes­ser gemacht. So ver­sucht sie nun nachts mög­lichst wenig zu schla­fen und die­sen Schlaf tags­über in Etap­pen nach­zu­ho­len oder sich mit Kof­fe­in wach­zu­hal­ten. Ande­re Men­schen hält sie krampf­haft auf Abstand. Nur bei Gray scheint ihre Metho­de nicht ganz so zu funk­tio­nie­ren: “Könn­test du mir jetzt wohl mei­ne Sachen wie­der­ge­ben?”, fra­ge ich in mei­nem bis­sigs­ten Ton. Gleich­zei­tig tre­te ich einen Schritt näher, krampf­haft bemüht, mei­ne Schul­tern hän­gen zu las­sen, gelang­weilt zu wir­ken und nicht zu blin­zeln. Anne Eliot AlmostExtrem gelang­weilt. Mit der nöti­gen Spur von Abnei­gung und Ver­ach­tung im Blick. Und wie­der reagiert der Typ anders als erwar­tet.” (Zitat S.30) Gera­de ihre Stim­mun­gen und ihre Ver­su­che Ges­tik und Mimik unter Kon­trol­le zu brin­gen, lesen sich sehr inter­es­sant und sind sprach­lich gut ver­packt: “Ich schleu­de­re ihm sei­nen vol­len Namen um die Ohren und packe jede Men­ge Sar­kas­mus hin­ein, um das Zit­tern in mei­ner Stim­me zu über­spie­len. Ich habe das Gefühl, dass mein Kör­per gleich in den Erd­be­ben-Modus umschal­tet. Echt, ich kann nicht glau­ben, dass ich die­ses Sta­di­um schon erreicht habe — und zwar nicht wegen irgend­ei­nes nächt­li­chen Alb­trau­mes, son­dern weil ich einen Jun­gen toll fin­de.” (Zitat S.30) Ins­ge­samt gese­hen ist der Roman eine wah­re Ach­ter­bahn der Emo­tio­nen und der Leser erhält sogar Ein­blick in bei­de Per­spek­ti­ven, da “Almost” abwech­selnd aus Jess’ und Grays Sicht erzählt wird. Rich­tig gut gefal­len hat mir auch der iro­ni­sche Unter­ton, der sich durch das gesam­te Buch zieht und vor allem Jess’ herr­li­cher Sar­kas­mus: “Eine tie­fe Erschöp­fung macht sich in mir breit, gepaart mit Benom­men­heit und der übli­chen Ver­wir­rung. Auf ein­mal ist nicht mehr Gray Por­ter mein größ­ter Gegen­spie­ler im Kampf um den Prak­ti­kums­platz, son­dern etwas viel Fie­se­res: mein über­wäl­ti­gen­des Bedürf­nis nach Schlaf. Schon wir das Pochen in mei­nem Kopf lau­ter. Na super. Vor Publi­kum zusam­men­zu­bre­chen ist doch immer wie­der schön!” (Zitat S. 44ff) Die Spra­che ist flott, die Dia­lo­ge fet­zig und man kann gar nicht anders, als sich von der Geschich­te buch­stäb­lich mit­rei­ßen zu lassen!

Eine idea­le Alter­na­ti­ve zu “Almost”, fin­de ich, ist “Noah und Echo. Lie­be kennt kei­ne Gren­zen” von Katie McGar­ry. Hier hat die LesealternativenProt­ago­nis­tin auch eine Nacht erlebt, an die sie sich nicht mehr erin­nern kann und in der etwas Tra­gi­sches geschah. Dies ist eben­so mit einer pri­ckeln­den Lie­bes­ge­schich­te ver­bun­den. Sehr gut kann ich mir auch Sarah Des­sen vor­stel­len, die war nicht ganz so fet­zig schreibt, aber sehr sen­si­bel mit Pro­blem­the­men umgeht und die­se eben­falls mit Roman­tik ver­knüpft. Lies von ihr z.B. den Erfolgs­ti­tel “Just lis­ten” oder “Zwi­schen jetzt und immer”. Das Ver­hal­ten des Sich-von-ande­ren-Zurück­zie­hen fin­dest du in dem roman­ti­schen “Über den Dächern wir zwei” von Ange­la Kirch­ner und auf etwas extre­me­re Wei­se in “Soli­taire” von Ali­ce Ose­man. Klas­se hin­sicht­lich Roman­tik und Tra­gik fand ich auch “Mein Herz wird dich fin­den” von Jes­si Kir­by. Eine Fake-Bezie­hung gibt es zudem in der Neu­erschei­nung “Lie­be ist die schöns­te Natur­ka­ta­stro­phe der Welt” von Kasie West.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-71671-0
Erscheinungsdatum: 18.März 2016
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,95€
Seitenzahl: 464
Übersetzer: Birgit Niehaus
Originaltitel: "Almost"
Originalverlag: Butterfly Books

Amerikanisches Originalcover:
Anne Eliot Almost









Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Dir gefällt die­ser Bei­trag? Dann abon­nie­re “Kasi­mi­ra” einfach
und erhal­te eine E-Mail
sobald ein neu­er Bei­trag erscheint!

---------------------------------------------------------------------------------
Amerikanisches Cover: Homepage von Anne Eliot

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.