Annabel Pitcher — Schweigen ist Goldfisch

Annabel Pitcher Schweigen ist Goldfisch28.Mai 2016

Schwei­gen ist Gold­fisch” von der bri­ti­schen Schrift­stel­le­rin Anna­bel Pit­cher ist ein Roman über einen Vater, der auf ein­mal kein “ech­ter” Vater mehr ist; ein Mäd­chen, das mit die­sem neu gewon­ne­nen Wis­sen umge­hen muss und dem Mit­tel des Schwei­gens, dem sie sich dazu bedient. Eine Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät. Ergrei­fend. Auf eine beson­de­re Art erzählt. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Man­ches­ter. Tess’ Vater Jack ist Schau­spie­ler. Momen­tan ein wenig erfolg­los, aber die 15-Jäh­ri­ge liebt ihn über alles. Des­halb ver­sucht sie auch für ihn die per­fek­te Toch­ter zu sein. Obwohl Tess anders ist als ande­re Mäd­chen in ihrem Alter: “Ich weiß, wel­cher Pla­net ich bin, und ich habe kei­ne Lust, mich stän­dig ins Son­nen­sys­tem zu drän­geln, wo mein eigent­li­cher Platz doch fest­steht. Die Frau an der Essens­aus­ga­be in mei­ner alten Schu­le hat das sofort begrif­fen. […] “Du bist Plu­to. Am liebs­ten fern vom Gesche­hen.” Sie lächel­te ihr fal­ti­ges Lächeln. “Das ist schon in Ord­nung so.” (Zitat aus “Schwei­gen ist Gold­fisch” S.13) Denn für ihre Eltern ist das nicht so in Ord­nung, dass Tess zu Gleich­alt­ri­gen kei­nen Kon­takt knüp­fen möch­te, dass sie zurück­hal­tend ist und nicht ger­ne im Mit­tel­punkt steht. Und als ihr das offen­sicht­lich wird (im Alter von 11 Jah­ren), schließt sie einen Schwur mit ihrem Hund, dass Annabel Pitcher Schweigen ist Goldfischer in Zukunft nicht mehr so bis­sig sein wird und sie dafür offe­ner: “…ich habe ver­sucht, mich anzu­pas­sen und lau­ter, leb­haf­ter und lus­ti­ger zu sein, als ich mich fühl­te. Ich trug mei­ne Per­sön­lich­keit wie einen Clown­s­hut, der jeden zum Lachen brach­te, vor allem Jack.” (Zitat S.16/17) Immer­zu ver­sucht sie ihren Vater zu beein­dru­cken. Erfin­det sogar eine Mus­ter-Freun­din namens Anna, obwohl sie doch eigent­lich mit der quir­li­gen Isa­bel befreun­det ist. Doch mit all dem Geha­be ist jetzt Schluss! Denn durch Zufall hat Tess etwas ent­deckt, das ihr gan­zes Leben für immer ver­än­dern wird: Ihr Vater ist nicht ihr lieb­li­cher Vater. Fol­gen­de Notiz fand sie auf sei­nem Rech­ner: “Als Tess nach zwei Stun­den Wehen schließ­lich auf­tauch­te, konn­te ich nur Abscheu emp­fin­den, und es gelang mir eben so wenig, die­ses son­der­ba­re Wesen in den Armen mei­ner ent­zü­cken­den Frau zu lie­ben, wie den Hass zu ver­ber­gen, der in mir brann­te. Das war nicht mei­ne Toch­ter. Das war ihre Toch­ter — ihre und die eines Samen­spen­ders, den ich nie getrof­fen hat­te.” (Zitat S.24) Tess weiß gar nicht, was sie jetzt machen soll. Ihr Ver­such aus­zu­rei­ßen schei­tert, ihrer bes­ten Freun­din Isa­bel will sie lie­ber erst mal nichts erzäh­len. Ihr Vater: ein Frem­der auf ein­mal für sie. Mit­ten in einer Schul­auf­füh­rung, bei der auch ihr Vater eine Rol­le spielt, beschließt sie plötz­lich nicht mehr zu spre­chen und löst damit eine Wel­le an Reak­tio­nen aus, mit denen sie nie­mals gerech­net hät­te. Dann taucht auch noch ein neu­er Leh­rer an der Schu­le auf, von dem Tess glaubt, dass er ihr Vater sein könn­te…

Annabel Pitcher Schweigen ist GoldfischDer ers­te Satz in “Schwei­gen ist Gold­fisch” kata­pul­tiert den Leser bereits mit­ten ins Gesche­hen:Bestimmt gibt es im Inter­net eine Ein­kaufs­lis­te für Aus­rei­ßer, aber natür­lich streikt mein Han­dy, wie jedes Mal, wenn es stres­sig wird. Bewusst­los liegt es in mei­ner Tasche, und ich kann nicht nach­se­hen, wel­che Din­ge für das Leben auf der Stra­ße wich­tig sind.” (Zitat S.9) Der Roman ist in vier Tei­len und aus Tess Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Die Geschich­te ist mit 464 Sei­ten sehr umfang­reich, aller­dings auch in unge­wohnt — aber sehr ange­neh­mer — gro­ßer Schrift gedruckt. Jedes Kapi­tel ist zudem mit der Abbil­dung eini­ger Fische ver­se­hen, die in die glei­che Rich­tung schwim­men und einem Fisch, der dies in die ande­re Rich­tung tut. Die Abbil­dung ver­deut­licht nicht nur, wie anders Tess ist, son­dern auch, dass sie mit ihrem Schwei­gen einen Weg ein­schlägt, mit dem sie gänz­lich gegen den Strom schwimmt. “Ich erha­sche einen Blick auf mein Spie­gel­bild und bre­che in ein brei­tes Grin­sen aus, denn end­lich habe ich etwas voll­bracht, etwas wahr­haft Gro­ßes, Muti­ges in mei­nem ansons­ten so klei­nen und ängst­li­chen Leben.” (Zitat S.112) Schwei­gen bedeu­tet gewis­ser­ma­ßen auch Macht, das fin­det Tess bald her­aus, wenn sie auf die ver­zwei­fel­ten, wüten­den Fra­gen ihres Vaters nicht ant­wor­tet. Dem Erwar­tungs­druck ein­fach aus dem Weg geht. Und es ist etwas, an dem sie sich fest­hal­ten kann. Etwas, über das sie Kon­trol­le hat, wenn alles ande­re in ihrem Leben auf ein­mal ver­gäng­lich zu sein scheint. Aber zugleich ist das Mit-dem-Reden-Auf­hö­ren auch ein Mit­tel für sie, um sich nicht mit der Annabel Pitcher Schweigen ist GoldfischWahr­heit aus­ein­an­der­set­zen zu müs­sen: “Ich sit­ze inmit­ten mei­nes Schwei­gens und schüt­ze mich vor der Wahr­heit, die ich viel­leicht ver­ges­sen kann, wenn ich sie nicht aus mei­nem eige­nen Mund hören muss.” (Zitat S.115) Tess’ Emp­fin­dun­gen wer­den in “Schwei­gen ist Gold­fisch” sehr ein­dring­lich beschrie­ben. Die Wider­sprüch­lich­keit ihrer Gefüh­le, das Zer­bre­chen an die­sem uner­war­te­ten Wis­sen: “Unver­mit­telt fah­re ich hoch und kne­te mei­ne Wut zu einem schwar­zen Ball, eine gefähr­li­che, macht­vol­le Waf­fe in mei­ner Hand. Eine Gra­na­te, die die­sen nor­ma­len Tag in die Luft jagt und mei­ne per­fek­te Fami­lie in tau­send Stü­cke reißt. Ich muss nur den Zün­der zie­hen.” (Zitat S.34) und “Panik flat­tert in mei­ner Brust. Wir fah­ren jetzt, also kann ich nicht aus dem Wagen sprin­gen, leh­ne mich aber so weit wie mög­lich von Jack weg und star­re unver­wandt aus dem Fens­ter. Er ist nicht mein Vater. Ich sit­ze neben einem Frem­den. Einem Lüg­ner. Das Flat­tern wird zu einer Erschüt­te­rung, die die gan­ze Welt erbe­ben lässt.” (Zitat S.43ff) Manch­mal muss man ein paar län­ge­re Stre­cken in Kauf neh­men und auch gedul­dig sein mit der Prot­ago­nis­tin, die sich manch­mal doch zu sehr in ihren Tag­träu­me­rei­en und “Was wäre, wenn…?”-Überlegungen ver­liert. Außer­dem bedient sich Anna­bel Pit­cher eines beson­de­ren Erzähl­mit­tels: sie lässt eine Taschen­lam­pe in Form eines Gold­fi­sches, die Tess auf ihrem ver­such­ten Aus­reiß­ver­such kauft und die zugleich zum Sym­bol ihres Schwei­gens wird, zu einem Gesprächs­part­ner erwe­cken, mit dem das Mäd­chen sich wäh­rend des Romans fort­wäh­rend Annabel Pitcher Schweigen ist Goldfischunter­hält. Das ist beson­ders und defi­ni­tiv ein gut gewähl­tes Stil­mit­tel, um die Gedan­ken der Haupt­fi­gur offen­zu­le­gen, kann aber auch etwas befremd­lich wir­ken. Die Spra­che ist sehr facet­ten­reich. Manch­mal jugend­sprach­lich und frech (zum Bei­spiel die Dia­lo­ge zwi­schen Tess und Isa­bel), dann wie­der kraft­voll und sehr poe­tisch mit außer­ge­wöhn­li­chen Bil­dern: Mein Kör­per löst sich auf, mein Kopf schwebt wei­ter und wei­ter davon, wäh­rend mei­ne Glied­ma­ßen aus­ein­an­der­drif­ten. Ich bin nicht Tess Tur­ner. Ich bin über­haupt nie­mand. Ich flie­ge in Ein­zel­tei­len unter einem Him­mel, der genau die Far­be eines Blut­ergus­ses hat.” (Zitat S.82) Die Bot­schaft gegen Ende des Romans, wel­ches sehr emo­tio­nal geschrie­ben ist, kommt einem Auf­at­men des Lesers gleich: Tess spricht wie­der! Und sie wächst über sich hin­aus und erkennt, dass man für man­che Din­ge Wor­te gebrau­chen muss. Wor­te des Aus­spre­chens. Des Ver­söh­nens. Des Zuein­an­der­fin­dens. Und dass man auch dafür Mut braucht.

Fazit: Eine beson­de­re Geschich­te, anders erzählt, aber ein­fühl­sam und gelun­gen.

LesealternativenEs gibt noch ande­re Bücher von Anna­bel Pit­cher, die zwar in einem Ver­la­ge für Erwach­se­ne her­aus­ge­ge­ben wur­den, aber even­tu­ell auch von Jugend­li­chen gele­sen wer­den kön­nen: “Ketch­u­pro­te Wol­ken” und “Mei­ne Schwes­ter lebt auf dem Kamin­sims” (hier ist die Haupt­fi­gur 10 Jah­re alt). Eine sehr gute Alter­na­ti­ve ist “Nur ein Teil von mir” von Kath­rin Steh­le. Ein wenig hat mich Tess auch an die (eben­falls über­ge­wich­ti­ge) Prot­ago­nis­tin aus “Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” von Kate Gor­don erin­nert, die eben­so ler­nen muss zu sich selbst zu ste­hen. Ein Mäd­chen, das eines Tages zu schwei­gen anfängst, fin­dest du in “Speech­less” von Han­nah Har­ring­ton oder in “Die Wahr­heit, wie Del­ly sie sieht” von Kathe­ri­ne Han­nig­an. Dass es einen Unter­schied macht, ob bio­lo­gi­scher Vater oder nicht, damit muss sich (unter ande­rem) die Haupt­fi­gur in “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb” von Clai­re Fur­niss auf sehr berüh­ren­de Wei­se aus­ein­an­der­set­zen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5375-5
Erscheinungsdatum: 25.Mai 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€ 
Seitenzahl: 464 
Übersetzer: Susanne Hornfeck
Originaltitel: "Silence is golfish"
Originalverlag: Hachette Children's Group

Britisches Originalcover:
Annabel Pitcher Schweigen ist Goldfisch

Kasimiras Bewertung:

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Britisches Cover: Homepage von Annabel Pitcher

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