Angela Mohr — Zwei Tage, zwei Nächte und die Wahrheit über Seifenblasen

Angela Mohr Zwei Tage, zwei Nächte und die Wahrheit über Seifenblasen30.September 2016

Die Stutt­gar­ter Auto­rin Ange­la Mohr zeigt mit ihrem neu­en Roman “Zwei Tage, zwei Näch­te und die Wahr­heit über Sei­fen­bla­sen”, dass sie auch anders kann: Abseits knall­har­ter Rea­li­ty­the­men (wie Mob­bing, Organ­spen­de, Sek­te) wagt sie sich dies­mal an eine zar­te Lie­bes­ge­schich­te. Zwei Men­schen auf der Flucht vor den unter­schied­lichs­ten Din­gen tref­fen zusam­men. Eine Begeg­nung, die alles ver­än­dert. Gefühl­voll und flott erzählt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Schnell ren­nen, das kann der 16-jäh­ri­ge Nik. Schul­den machen, dar­in ist er auch nicht schlecht. Nur das mit dem Zurück­zah­len klappt lei­der nicht so gut. Des­halb sind sei­ne Schuld­ner ihm auch stets dicht auf den Fer­sen. “Ich ren­ne. Wer auch immer hin­ter mir her ist, rennt mit, ich spü­re jeden­falls sei­ne Schrit­te, obwohl ich nichts höre außer mei­nem klop­fen­den Her­zen und der unauf­hör­lich schril­len­den Sire­ne in mei­nem Hirn, die mir den letz­ten Nerv raubt.” (Zitat aus “Zwei Tage, zwei Näch­te und die Wahr­heit über Sei­fen­bla­sen” S.8) In letz­ter Sekun­de schafft Nik es in einen abfah­ren­den Zug. Sei­nen Ver­fol­ger hat er abge­schüt­telt, dafür gerät er jedoch ins Visier eines Angela Mohr Zwei Tage, zwei Nächte und die Wahrheit über SeifenblasenKon­trol­leurs. Über­ra­schen­der­wei­se nimmt ihn ein ihm frem­des Mäd­chen mit auf ihre Fahr­kar­te. Die 18-jäh­ri­ge Aino spricht nicht mehr, und sie will eigent­lich auch mit Nik nichts zu tun haben. Denn eigent­lich will sie nur in ein Klos­ter, um dort für immer schwei­gen zu kön­nen. Du bist sehr jung, haben sie geschrie­ben. Wenn Sie mich sehen, wer­den Sie fest­stel­len, dass das Alter nicht ent­schei­dend ist. Alles hat sei­nen Preis, auch die Stil­le. Wenn ich erst mal dort bin, wer­den sie mich nicht ein­fach wie­der weg­schi­cken kön­nen.” (Zitat S.16) Nik, der noch nie einem so schweig­sa­men Mäd­chen begeg­net ist, ver­sucht ihre Wort­lee­re mit den sei­nen zu fül­len, und davon hat er vie­le. Als sie uner­war­tet auf einem abge­le­ge­nen Bahn­hof im Oden­wald stran­den, weil eine Ober­lei­tung beschä­digt ist, ver­brin­gen sie eine Nacht in einem alten Bahn­hofs­ge­bäu­de. Aino auf einer Bank, Nik auf ihrer Iso­mat­te. Mit einem Block, auf den Aino schreibt, kom­mu­ni­zie­ren sie. Und so erfährt Nik schließ­lich, was Aino vor hat. Angela Mohr Zwei Tage, zwei Nächte und die Wahrheit über Seifenblasen“Sor­ry”, sage ich, “ich habe noch nie jeman­den getrof­fen, der Non­ne wer­den will. Das ist echt — ich mei­ne, du ver­passt doch so vie­le Sachen! Alles, was Spaß macht, was das Leben lus­tig macht und so.” […] Aino greift nach dem Block. Was ver­pas­se ich denn?” (Zitat S.70). Und so schlie­ßen die bei­den einen Pakt: Nik erhält zwei Tage und zwei Näch­te Zeit ihr zu bewei­sen, was sie sei­ner Mei­nung nach im Leben ver­pas­sen wird, dafür zeigt sie ihn nicht an, weil er nachts ihren wert­vol­len Hals­an­hän­ger an sich genom­men hat, um ihm zu Geld zu machen. Und sie ver­rät ihm, war­um sie ins Klos­ter gehen will. Die­ser Pakt ver­än­dert alles…

Zwei Tage, zwei Näch­te und die Wahr­heit über Sei­fen­bla­sen” war­tet mit einem schön roman­ti­schen Cover auf, der Titel passt eben­so dazu. Eine neue Ziel­grup­pe anspre­chen? War­um nicht. Wobei sich erns­te The­men auch in die Lie­bes­ge­schich­te ein­schlei­chen, somit ist ein biss­chen Rea­li­ty-Zünd­stoff doch gewahrt;-) Ein Mäd­chen, das ins Klos­ter gehen möch­te. Ein Mäd­chen, das sich bewusst dazu ent­schei­det nicht mehr sprAngela Mohr Zwei Tage, zwei Nächte und die Wahrheit über Seifenblasenechen zu wol­len: “Es ist fried­lich. Plötz­lich füh­le ich: Ich muss nie wie­der etwas sagen. Die­se Erkennt­nis, die­ses Glück: nie wie­der spre­chen. Nik springt auf. Nik setzt sich in. War­um macht er stän­dig sol­chen Radau? Ich plap­pert in einem fort und kann nicht still sit­zen.” (Zitat S.45) Ein unglei­ches Paar, und trotz ein­sei­ti­ger Mono­lo­ge, die haupt­säch­lich Nik führt (da Aino ihm ja nicht ant­wor­tet), ist die Geschich­te den­noch durch­weg inter­es­sant. Ein flot­tes Erzähl­tem­po, eini­ge tur­bu­len­te, action­rei­che Momen­te — leich­te Unter­hal­tung auf einem ange­neh­men Niveau. Der Roman wird abwech­selnd aus Niks und Ainos Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Zwei unge­wohn­te Stil­mit­tel wer­den hier ver­wen­det, die zu nächst etwas befremd­lich wir­ken: Niks Han­deln und Den­ken wird sehr meta­pho­risch erklärt: Wo ande­re Syn­ap­sen und Gehirn­bah­nen hin­ter der Schä­del­de­cke haben, exis­tiert bei mir nur ein Schalt­pult mit ver­schie­den­far­bi­gen Knöp­fen. Die meis­ten sind rot. Und wenn der Cap­tain des Schif­fes irgend­wo drauf­drückt, reagie­re ich und tue, was er will.” (Zitat S.7) und “Ich has­te ins Bahn­hofs­ge­bäu­de und bin froh, dass der Cap­tain noch so viel Geis­tes­ge­gen­wart besitzt, auf die Anzei­ge­ta­fel zu gucken.” (Zitat S.8) Per­so­nif­zier­tes Den­ken — so etwas, habe ich bis­her auch noch in kei­nem Roman gele­sen! Aber zu Niks etwas ver­peil­ten Art passt das ganz gut (und wird gegen Ende auch erklärt). Sei­ne (Erzähl-)Sprache ist flott und Angela Mohr Zwei Tage, zwei Nächte und die Wahrheit über Seifenblasenfrech. Bei Aino wer­den unan­ge­neh­me Situa­tio­nen rasch über­ge­blen­det vom Sin­nie­ren über (sprach-)geschichtliche Fak­ten frem­der Kul­tu­ren und der zunächst etwas unkla­ren Geschich­te eines Alta­ikrie­gers, die sie erzählt. Auch fin­den sich nur in ihren Kapi­teln Über­schrif­ten, die nur aus einem Wort bestehen. Ihre Per­spek­ti­ve wird in vie­len kur­zen Sät­zen erzählt, die mal bedäch­ti­ger, mal aber auch pani­scher, aber immer ein wenig poe­tisch wir­ken. Vor wel­chem Schmerz flüch­tet sie? Die­se Fra­ge zieht sich durch das gan­ze Buch. “Ich drü­cke mit der Hand auf den Anhän­ger. Er gräbt sich schmerz­haft in mein Brust­bein. Ich will nicht mehr, dass etwas weh­tut.” (Zitat S.25) All­mäh­lich kom­men sowohl der Leser als auch Nik hin­ter ihr Geheim­nis… Und man begreift, vor man­chen Din­gen kann man nicht weg­ren­nen. Manch­mal muss man sich ihnen stel­len, um wei­ter­le­ben zu kön­nen.

Inter­es­sant: Auf Ange­la Mohrs Home­page gibt es eine Foto­stre­cke mit den Ori­gi­nal­schau­plät­zen des Romans, der vom Mann­hei­mer Haupt­bahn­hof über Neckar­hau­sen, Eber­bach, Neckar­ger­ach, Wald­kat­zen­bach, über die Gai­müh­le bis hin zum Unte­ren Höll­grund führt. Das Stot­tern, das Aino zunächst ver­birgt, kennt die Auto­rin übri­gens auch. Mehr dar­über fin­dest du auch auf ihrer Home­page.

Wenn dir Ange­la Mohrs Erzähl­stil gefällt, kannst du auch noch ande­re Bücher von ihr lesen. Am bes­ten fin­de ich nach wie vor ihr ers­tes Buch “Wach auf, wenn du dich traust”, das die LesealternativenThe­men Mob­bing und Zivil­cou­ra­ge behan­delt. Danach erschien “Ver­giss nicht, dass du tot bist” (The­ma: Organ­spen­de), das ich nicht ganz so stark fand. Wie­der gelun­gen ist Ada. Im Anfang war die Fins­ter­nis”, in dem die Auto­rin auch ihre eige­nen Erfah­run­gen in einer Sek­te ver­ar­bei­tet. Wenn du etwas lesen möch­test, in dem ein Mäd­chen beschlos­sen hat zu schwei­gen, dann greif zu “Schwei­gen ist Gold­fisch” von Anna­bel Pit­cher oder “Speech­less” von Han­nah Har­ring­ton. Ein Jun­ge und ein Mäd­chen, die mit unter­schied­lichs­ten Pro­ble­men auf­ein­an­der­tref­fen, kannst du auch in die­sen Roma­nen ent­de­cken: “Wenn du mich küsst” von Julia­na Stone (toll!) und “Stern­schnup­pen­träu­me” von Julie Leu­ze. Von einem beson­de­ren Pakt erzählt “Almost” von Anne Eli­ot (klas­se!).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60122-9
Erscheinungsdatum: 1.Juli 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 12,99€ 
Seitenzahl: 312 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -
Trailer zum Buch:

Kasimiras Bewertung:

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