Angela Kirchner — Über den Dächern wir zwei

Angela Kirchner - Über den Dächern wir zwei3.März 2016

Die deut­sche Auto­rin und Buch­händ­le­rin Ange­la Kirch­ner hat mit “Über den Dächern wir zwei” eine berüh­ren­de Geschich­te über eine Außen­sei­te­rin geschrie­ben, die sich in eine selbst gewähl­te Ein­sam­keit zurück­ge­zo­gen hat. Es ist ihr Nach­bar und ehe­mals bes­ter Freund, der es schafft ihre Welt ins Wan­ken zu brin­gen. Eine zar­te Liebes­ge­schich­te, sen­si­bel und anmu­tig erzählt. Für Jugend­li­che, die beson­de­re Geschich­ten lie­ben. Ab 13 Jah­ren. Und für inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 17-jäh­ri­ge Mina ver­lässt ihr Haus kaum. Nur, wenn sie muss. Das heißt, um in die Schu­le zu gehen, um ein­zu­kau­fen, den Müll raus­zu­brin­gen oder mal einen Aus­flug in die Biblio­thek zu machen. Im Gegen­satz zu ihrem Bru­der Marik hat sie kei­ne Ahnung, was in der Schu­le so abgeht. Denn von sel­bi­ger ist sie frü­her immer heu­lend nach Hau­se gekom­men. Als ihre Mit­schü­ler auf ein­mal began­nen sie als Freak zu bezeich­nen und sie zu hän­seln, weil sie sich nicht für die Din­ge inter­es­sier­te, für die sich alle inter­es­sier­ten. Weil sie anders war. Und des­halb hat Mina damals beschlos­sen sich von allen zurück­zu­zie­hen. “Weil ich nach und nach für alle mei­ne Freun­de in der Schu­le bes­ten­falls noch Mit­tel zum Zweck wur­de. Weil selbst Leu­te, mit denen ich bereits zusam­men im Sand­kas­ten gespielt habe, sich auf ein­mal von mir abge­wandt haben.” (Zitat aus “Über den Dächern wir zwei” S.18) Um die­ser Schmach ent­ge­gen­zu­wir­ken, hat sie sich selbst von Theo, ihrem bes­ten FreundAngela Kirchner - Über den Dächern wir zwei, der neben­an wohnt, distan­ziert. Von einem Tag auf den ande­ren. Ohne ihm etwas zu erklä­ren. Aber jetzt drei Jah­re spä­ter, bekommt Mina von ihrem Bru­der erzählt, dass The­os Zwil­lings­bru­der im Kran­ken­haus liegt. Er ist mit dem Fahr­rad in ein Auto hin­ein­ge­fah­ren. Er soll Dro­gen kon­su­miert haben. Und obwohl Mina eigent­lich nichts mehr von Theo und den ande­ren wis­sen möch­te, steigt sie auf das Dach zwi­schen ihren Häu­sern, auf dem sie Theo sit­zen sieht. Seit wir neun Jah­re alt waren, sind wir nahe­zu jeden Tag gemein­sam hier her­auf­ge­klet­tert, um der Welt da unten zu ent­flie­hen, haben uns Wit­ze erzählt und uns schlim­me Stra­fen für die­je­ni­gen aus­ge­dacht, die uns in dem Moment auf die Ner­ven gefal­len sind. Frü­her haben wir nie geschwie­gen, son­dern Stun­den damit ver­trö­delt zu rede, bis uns die ein­bre­chen­de Dun­kel­heit oder eine unse­rer Müt­ter dazu gezwun­gen haben run­ter­zu­stei­gen.” (Zitat S.10) Jetzt ist alles anders. Es ist komisch zwi­schen ihnen. Aber den­noch kommt es bald dar­auf immer wie­der zu Situa­tio­nen, in denen sie mit­ein­an­der spre­chen. Sich näher kom­men. “Wie­so hat mich die­ses Gespräch mit Theo der­ma­ßen aus der Fas­sung gebracht? Wie­so gelingt es gera­de ihm mit sei­nen Fra­gen Ris­se in mei­nen Pan­zer zu bre­chen? Wenn Mama oder Papa mir vor­wer­fen, ich wür­de den Rest der Welt von mir fern­hal­ten, wabert das in mir her­um wie ein Öltep­pich auf dem Oze­an und schwappt irgend­wann ein­fach über den Rand ins Nir­wa­na. Wie­so nicht bei Theo?” (Zitat S.87) Irgend­wie schafft er es sie aus ihrem Schne­cken­haus her­aus­zu­ho­len. Doch es gab noch einen Grund, war­um Mina sich von Theo damals abge­wandt hat…

Angela Kirchner - Über den Dächern wir zweiÜber den Dächern wir zwei” ist durch­ge­hend aus der Ich-Per­spek­ti­ve und Minas Sicht erzählt. Die Spra­che ist ange­nehm und leicht. Flüs­si­ges Lesen ist ohne Wei­te­res mög­lich. Der Roman ist in Kapi­tel unter­teilt und mit schö­nen Sche­ren­schnitt­bil­dern zu Beginn ver­se­hen. Die The­ma­tik des Außen­sei­terseins wird im Jugend­buch oft the­ma­ti­siert. Hier jedoch auf eine ganz beson­de­re Art und Wei­se: Ein hal­bes Jahr hat es mich gekos­tet, mei­nen Ent­schluss auf Freun­de zu ver­zich­ten, in der Schu­le durch­zu­set­zen. Aus­dau­ern­der als jemals zuvor wur­de ich danach bedrängt und sogar umschmei­chelt, weil die­sen Schma­rot­zern plötz­lich ein Opfer fehl­te, das sie aus­sau­gen konn­ten wie Para­si­ten. Auf ein­mal half ihnen nie­mand mehr aus der Pat­sche, wenn sie den Unter­richts­stoff nicht kapier­ten. Und damit nicht genug. Mit einem Mal war nie­mand mehr da, den man — zur Belus­ti­gung aller — hän­seln konn­te. Ich reagier­te ein­fach nicht mehr. Weder auf das eine noch auf das ande­re.” (Zitat S.22) Eine Art, auf die die Prot­ago­nis­tin selbst ent­schei­dend auf Distanz zu den ande­ren geht. Doch kann man in einer Gesell­schaft ohne Gesell­schaft (über)leben? Das auch Mina bei die­ser Fra­ge bald ins Wan­ken gerät, liest sich sehr emo­tio­nal und ergrei­fend. “Mit einem Mal wird mir klar, dass es kei­ne gute Idee war, zu ihm aufs Dach zu stei­gen und ihn wie­der in mein Leben zu las­sen. Ich habe ewig gebraucht, um ihn los­zu­wer­den, weil er hart­nä­cki­ger war, als all die ande­ren Mit­schü­ler zusam­men. Und nun sitzt er dort, trinkt Kaf­fee mit mei­ner Mut­ter und grinst, als wären die letz­ten Jah­re kom­plett anders ver­lau­fen.” (Zitat S.57) Beson­ders die flot­ten Dia­lo­ge haben mir sehr gut gefal­len.

Eine Alter­na­ti­ve zu “Über den Dächern wir zwei” hin­sicht­lich der Außen­sei­ter­rol­le ist “Soli­taire” von Ali­ce Ose­man mit einer wirk­lichLesealternativen exzen­tri­schen Außen­sei­te­rin, die auch erst wie­der ler­nen muss, sich auf ande­re Men­schen ein­zu­las­sen. Sel­bi­ges lernt die Prot­ago­nis­tin in “Nur die­ser eine Som­mer” von Becky Cit­ras, das sanf­ter erzählt ist. Sehr berüh­rend fand ich auch die Außen­sei­ter­rol­le in “This song will save your life” von Lei­la Sales, in dem sich die Haupt­fi­gur zu Anfang beson­de­re Din­ge ein­fal­len lässt, um dazu­zu­ge­hö­ren und dies dann auf eine völ­lig ande­re Art und Wei­se erreicht. Eine spe­zi­el­le Art des Rück­zugs wählt auch die jun­ge Chel­sea in “Speech­less” von Han­nah Har­ring­ton, das wirk­lich klas­se ist. Nach­bars­kin­der und bes­te Freun­de seit Kin­der­ta­gen und ein Ver­hält­nis, das sich all­mäh­lich ver­än­dert — das fin­dest du in fol­gen­den Büchern: Lie­bes­kin­der” von Jana Frey (bril­lant!), Kil­ling But­ter­flies” von M.Anjelais (Krass) und “Zwil­lings­ster­ne” von Cris­ti­na Mor­a­cho (spe­zi­ell). Oder lies die Nach­bars-Lie­bes­ge­schich­te “Mein Som­mer neben­an” von Hunt­ley Fitz­pa­trick.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Oetinger 34
ISBN: 978-3-95882-118-7
Erscheinungsdatum: 25.Januar 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 207
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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