Andrew Norriss — Jessicas Geist

Andrew Norriss Jessicas Geist18.September 2016

Der bri­ti­sche Autor Andrew Nor­riss hat mit “Jes­si­cas Geist” eine über­ra­schend klu­ge Geschich­te über das The­ma Anders­sein geschrie­ben. Ein Roman über Freund­schaft, Ausgrenzung/Mobbing und Sui­zid. Mit einem Geist in der Haupt­rol­le. Ein groß­ar­ti­ges Buch! Unter­halt­sam, sen­si­bel und ein­fach herz­er­wär­mend erzählt. Eine Geschich­te, die man gele­sen haben soll­te. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Eigent­lich will sich Fran­cis in sei­ner Mit­tags­pau­se nur ein ruhi­ges Plätz­chen auf dem Pau­sen­hof suchen. Selbst die eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren drau­ßen schre­cken ihn nicht ab. Er will allei­ne sein. Nach­den­ken. Bis sich auf ein­mal ein unbe­kann­tes Mäd­chen zu ihm setzt. Eines, das nur ein kur­zes Kleid trägt, aber über­haupt nicht zu frie­ren scheint. Höf­lich bie­tet Fran­cis ihr einen Schluck aus sei­nem Ther­mos­be­cher an. “Redest du… redest du mit mir?” frag­te sie. “Ja, sor­ry.” Fran­cis zog den Ther­mos­be­cher wie­der zurück. “Wird nicht noch mal vor­kom­men.” “Und du ver­stehst, was ich sage?” “Ja”, sag­te Fran­cis. “Noch mal sor­ry.” Das Mäd­chen run­zel­te die Stirn. “Aber nie­mand kann mich sehen! Oder hören!” “Nein?” “Außer…” Das Mäd­chen sah ihn ange­strengt an. “Du bist nicht zufäl­lig auch tot, oder?” “Äh, nein, ich glau­be nicht.” (Zitat S.9) Was Fran­cis dar­auf­hin erfährt, ist gera­de­zu unglaub­lich. Denn das Mäd­chen, das sich Andrew Norriss Jessicas Geistihm mit Jes­si­ca vor­stellt, ist ein Geist und bereits seit einem Jahr ver­stor­ben. An ihren Tod kann sie sich nicht erin­nern, nur dass sie an dem Fens­ter ste­hend in einem Kran­ken­haus zu sich gekom­men ist. Neben ihr ihr leb­lo­ser Kör­per. Irgend­et­was scheint Jes­si­ca noch hier zu hal­ten. Aber was? Fran­cis zumin­dest ist über­glück­lich. Er, der Außen­sei­ter, hat nun end­lich eine bes­te Freun­din gefun­den. Dass Fran­cis anders ist, das hat Jes­si­ca schon beim Betre­ten sei­nes Zim­mers bemerkt: “Das Ers­te, was Jes­si­ca auf­fiel, waren die Zeich­nun­gen an der Wand. Es waren Mode­skiz­zen in Blei­stift oder Koh­le für eine Rei­he von Män­teln, Klei­der und Roben. Auf einem Arbeits­tisch stand einen Näh­ma­schi­ne, und dahin­ter sta­pel­ten sich Stoff­rol­len in allen Far­ben und Mus­tern.” (Zitat S.20) Mit vier Jah­ren hat Fran­cis nichts lie­ber getan, als die Mode­zeit­schrif­ten sei­ner Mut­ter anzu­se­hen, mit acht Jah­ren bekam er sei­ne eige­ne Näh­ma­schi­ne. Seit­dem näht er sei­nen Pup­pen Klei­der, nach Mode­sti­len aus allen Jahr­hun­der­ten. Weil man in der Schu­le jedoch eine die­ser Pup­pen in sei­ner Tasche gefun­den hat, wird er von einem Mit­schü­ler gemobbt. Jes­si­ca ist Fran­cis Licht­blick. Mit ihr macht auf ein­mal auch die Schu­le wie­der Spaß. Und so lässt er sich Andrew Norriss Jessicas Geistauf den Wunsch sei­ner Mut­ter ein, sich um Andi — ein neu­es Mäd­chen an sei­ner Schu­le — zu küm­mern. Andi ist eher etwas bur­schi­ko­ser und bereits wegen Prü­ge­lei von meh­re­ren Schu­len geflo­gen. Und selt­sa­mer­wei­se kann auch sie Jes­si­ca sehen! Durch die Freund­schaft mit Fran­cis und dem Geist blüht Andi regel­recht auf. Eben­so der über­ge­wich­ti­ge, depres­si­ve Roland, um den sich Fran­cis eben­falls küm­mern soll (nach dem Erfolg mit Andi), nimmt Jes­si­ca wahr. Bald sto­ßen die vier Jugend­li­chen auf eine uner­war­te­te Gemein­sam­keit…

Jes­si­cas Geist” war­tet mit einem inter­es­san­ten Cover auf, das sich deut­lich von der Mas­se ande­rer Bücher abhebt. Zu sehen sind mehre­re Schnitt­mus­ter, die auf Fran­cis Hob­by anspie­len und auch im Innen­teil zu den Kapi­tel­an­fän­gen fort­ge­setzt wer­den. In einer ein­fa­chen Spra­che berich­tet ein all­wis­sen­der Erzäh­ler aus dem Leben von Fran­cis, sei­ner Mut­ter, Jes­si­ca, Andi, Roland und deren jewei­li­gen Eltern. Und dies auf recht locke­re Art und Wei­se, mit vie­len Dia­lo­gen und kei­ner­lei Län­gen oder lang­wei­li­gen Stel­len (ein­zig zu Beginn wird für mei­nen Geschmack etwas zu oft erwähnt, daAndrew Norriss Jessicas Geistss nie­mand Jes­si­ca bis­her hören oder sehen konn­te, so unge­fähr sie­ben Mal;-)) Ins­ge­samt gese­hen habe ich mich durch­ge­hend rich­tig gut unter­hal­ten gefühlt! Man lei­det mit den Prot­ago­nis­ten mit, fühlt ihren Kum­mer, aber erlebt auch vor allem ihre Freu­de, ihr gemein­sa­mes Mit­ein­an­der, das sie stark macht und ihnen neu­es Selbst­be­wusst­sein ver­leiht. Man­che Stel­len machen echt gute Lau­ne, wenn man sieht, was ihre Freund­schaft alles zu ver­än­dern mag. Ande­re berüh­ren und machen nach­denk­lich: “Alle schei­nen mor­gens immer mit einem Lächeln auf den Lip­pen auf­zu­ste­hen… und du denkst, wie­so kann ich das nicht? Wie­so kann ich nicht ganz nor­mal sein? War­um muss ich so anders sein als die ande­ren?” “Und das ist es am Ende, was dich fer­tig­macht, stimmt’s?” Jetzt war es Fran­cis, der sprach. “Die­ses Anders­sein. Du möch­test so gern so sein wie alle ande­ren, aber…” Er sah Roland mit­füh­lend an. “…du weißt, dass das nie pas­sie­ren wird.” (Zitat S.129) Der Roman behan­delt das The­ma Anders­sein auf sehr behut­sa­me Wei­se. Er fasst in Wor­te, was viel­leicht vie­le Jugend­li­che emp­fin­den auf ihrem Weg erwach­sen zu wer­den. Aber “Jes­si­cas Geist” lie­fert auch wich­ti­ge Erkennt­nis­se. Dass man trau­ri­ge Epi­so­den sei­nes Lebens lie­ber mit jeman­dem tei­len soll­te, als sie Andrew Norriss Jessicas Geistallei­ne mit sich selbst aus­zu­ma­chen: “Du hast nie dar­über gespro­chen?” “Nein.” Mit nie­man­dem?” “Nein.” “Ich auch nicht”, mein­te Jes­si­ca, “Und wenn ich so zurück­den­ke, dann war das mit Sicher­heit ein Feh­ler.” (Zitat S.136) Und dass man an sei­ner Ein­stel­lung zur (viel­leicht abwer­ten­den) Mei­nung ande­rer arbei­ten soll­te: “Die größ­te Ver­än­de­rung, dach­te Fran­cis, lag nicht an sei­nen Freun­den oder an der Schu­le, son­dern an ihm selbst. […] Es lag dar­an, dass es nicht mehr wich­tig für ihn war, was ande­re Leu­te dach­ten. Wenn sie es so merk­wür­dig fan­den, was er da tat [nähen], dann soll­ten sie doch. Viel­leicht war es sogar merk­wür­dig. Und anders. Aber so war er eben und die Leu­te um ihn her­um wür­den wohl damit leben müs­sen.” (Zitat S.219) Etwas scha­de fand ich, dass man nicht mehr ganz so viel zu den Umstän­den von Jes­si­cas Tod erfährt, da hät­te ich mir am Ende noch ein biss­chen mehr gewünscht. Der Roman eig­net sich auch her­vor­ra­gend als Klas­sen­lek­tü­re. Es erhebt kei­nen päd­ago­gi­schen Zei­ge­fin­ger, son­dern ver­mit­telt auf unauf­dring­li­che Wei­se, wie man sich bei Mob­bing und nega­ti­ven Gedan­ken­mus­tern ver­hal­ten kann.

Fazit: So eine Geschich­te zum The­ma Mobbing/Suizid hat man bis­her noch nicht gele­sen! Und das soll­te man defi­ni­tiv drin­gend nach­ho­len;-)

Wenn dich die The­men Geis­ter und Freund­schaft fas­zi­nie­ren, dann könn­te ich mir sehr gut “Das unsicht­ba­re Mäd­chen” von Cha­ris Cot­ter vor­stel­len. Mob­bing Lesealternativenspielt auch bei der Geis­ter­ge­schich­te “Der 13.Gast” von Rhinna­non Las­si­ter eine klei­ne Rol­le. Durch einen Geist etwas vom Leben ler­nen, die­se Erfah­rung macht die Haupt­fi­gur in “Mary, Tan­sey und die Rei­se in die Nacht” von Rod­dy Doyle. Ein biss­chen hat mich Fran­cis mit sei­nem Fai­ble fürs Nähen auch an “Ben Flet­chers total genia­le Maschen” von T.S. Eas­ton erin­nert, in dem ein Jun­ge sein Talent fürs Stri­cken ent­deckt und nach aller­lei Tur­bu­len­zen schließ­lich lernt zu sich selbst zu ste­hen. Letz­te­res erfah­ren auch die Prot­ago­nis­ten in “Mut ist der Anfang vom Glück” von Hei­ke Karen Gürt­ler und “Geor­ge” von Alex Gino. Sehr gelun­gen fand ich eben­so “Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” von der aus­tra­li­schen Auto­rin Kate Gor­don. Für Jungs ist auch “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase” von Arne Svin­g­en toll!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-21744-9
Erscheinungsdatum: 26.August 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€ 
Seitenzahl: 224 
Übersetzer: Christiane Steen
Originaltitel: "Jessica's ghost"
Originalverlag: Faber and Faber

Britisches Originalcover: 
Andrew Norriss Jessicas Geist









Kasimiras Bewertung:

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Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Britisches Cover: Homepage von Andrew Norriss

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