Alice Oseman — Solitaire

Alice Oseman Solitaire15.September 2015

Die eng­li­sche Auto­rin Ali­ce Ose­man war 17 Jah­re alt, als sie “Soli­taire” schrieb, und noch Schü­le­rin. Sie erzählt die Geschich­te eines äußerst pes­si­mis­ti­schen Mäd­chens. Ein Roman über das Anders­sein, über Freund­schaft und das Lebens­ge­fühl einer Online­ge­ne­ra­ti­on. Vol­ler Zynis­mus und Welt­schmerz. Sehr authen­tisch und äußerst unter­halt­sam! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren, die mal kei­ne 0–8-15-Geschichte lesen wol­len. Und für Erwach­se­ne.

Die 16-jäh­ri­ge Vic­to­ria Spring, die nur Tori genannt wer­den will, ist wahr­lich kei­ne Opti­mis­tin. Eher im Gegen­teil. “Viel­leicht soll­te ich gleich dazu­sa­gen, dass ich mir stän­dig über alle mög­li­chen Sachen den Kopf zer­bre­che und mir Din­ge vor­stel­le, die mich trau­rig machen.” (Zitat aus “Soli­taire” S.12). Sie hasst Men­schen und die Ober­fläch­lich­keit von Teen­ager­ge­sprä­chen ödet sie an. Über­haupt gibt es sehr vie­les, das sie nicht mag. Ihre ein­zi­ge Freun­din Rebec­ca ist da eine Aus­nah­me. Becky, die immer ver­sucht, sie in die Grup­pe der ande­ren zu inte­grie­ren. “Ich bestel­le eine zucker­freie Zitro­nen­li­mo­na­de und las­se dann den Blick den Tisch ent­lang­wan­dern. Die ande­ren unter­hal­ten sich, es wird gelacht, und das macht mich irgend­wie trau­rig, so als wür­de ich sie von drau­ßen durch eine schmut­zi­ge Fens­ter­schei­be beob­ach­ten.” (Zitat aus “Soli­taire” S.49) Doch Tori fühlt sich als Außen­sei­te­rin und will eine blei­ben. Das Leben lang­weilt Alice Oseman Solitairesie. Zutiefst. “Ich bin wie­der in der Schu­le. Ein neu­es Jahr hat ange­fan­gen. Nichts wird pas­sie­ren. Ich ste­he da. Becky und ich schau­en uns an. “Tori”, sagt Becky, “du siehst aus, als wür­dest du dich am liebs­ten umbrin­gen.” (Zitat S.11) Was Tori ger­ne tut, ist schla­fen und blog­gen. Sie hat einen eige­nen Blog, auf dem sie ihre pes­si­mis­ti­schen Gedan­ken der Außen­welt anonym mit­teilt. Denn nur in der digi­ta­len Welt ist es ihr mög­lich ihren Schmerz zu tei­len. Mit ech­ten Men­schen, abge­se­hen von Becky, könn­te sie über so etwas nie­mals spre­chen. “Nie­mand ist ehr­lich, nie­mand ist echt. Man darf nie­man­dem und nichts trau­en. Die Mensch­heit lei­det an einer töd­li­chen Krank­heit, die Gefüh­le heißt. Und wir wer­den alle dar­an ster­ben.” (Zitat S.323) Bis auf ein­mal Micha­el Hol­den in ihrem Leben auf­taucht. Er ist anders, schert sich nicht um Kon­ven­tio­nen und ihm scheint etwas an Tori zu lie­gen. War­um? “Und wer bist du, Vic­to­ria Spring?” Mir fällt nichts ein, was ich dar­auf ant­wor­ten könn­te, weil genau das mei­ne Ant­wort wäre: nichts. Ich bin ein Vaku­um. Ich bin leer. Ich bin nichts.” (Zitat S.23) Doch Micha­el, der eben so wie sie, auf ein paar Post-its gesto­ßen, die sie zu dem geheim­nis­vol­len und lee­ren Blog namens “Soli­taire” füh­ren, fängt an hin­ter Vic­to­ri­as Fas­sa­de zu schau­en. Er ist auf­merk­sam. Er sieht sie: “Du bist ver­schlos­sen und pes­si­mis­tisch. […] Du tust gern so, als wäre dir alles egal, und wenn du so wei­ter­machst, wirst du in den Abgrund stür­zen, den du dir selbst erdacht hast.” (Zitat S.57). Micha­el bringt Tori dazu über sich nach­zu­den­ken. Und auch wenn ihr “Soli­taire” eigent­lich egal ist, ver­sucht sie die­sem “Geheim­club” — der an ihrer Schu­le den Leh­rern die ver­rück­tes­ten Strei­che spielt und die­se auf dem Blog pos­tet - auf die Spur zu kom­men…

Alice Oseman SolitaireSoli­taire” ist eine beein­dru­cken­de Geschich­te. Schon der ers­te Satz macht klar, dass die­se kein typi­sches Jugend­buch ist: “Ich kom­me in den Ober­stu­fen­raum und weiß genau, dass die meis­ten Leu­te hier so gut wie tot sind. Ich auch.” (Zitat S.11). Der Roman sprüht nur so vor Sar­kas­mus und Depres­si­vi­tät. Aber genau das macht aus Tori, die in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt, eine bedeut­sa­me, äußerst fas­zi­nie­ren­de Per­sön­lich­keit. Eben weil sie nicht ist wie alle ande­ren und weil sie ihre Trau­rig­keit aus­lebt. Wäh­rend man zu Beginn nur all ihre Schat­ten­sei­ten zu Gesicht bekommt, gelingt es dem Leser all­mäh­lich einen Blick hin­ter ihre star­re Mas­ke zu bekom­men. “Ich will nicht, dass man ver­sucht zu ver­ste­hen, war­um ich so bin, wie ich bin, weil ich die Ers­te sein möch­te, die es ver­steht. Und ich ver­ste­he es noch nicht. Ich will nicht, dass man sich ein­mischt. Ich will nicht, dass man in mei­nem Kopf her­um­sto­chert und mei­ne kaput­ten Tei­le aus­gräbt. Wenn Freun­de so was tun, dann will ich kei­ne. Er lächelt. Ein ech­tes Lächeln. Dann lacht er. “Du hast wirk­lich ein Rie­sen­pro­blem damit zu akzep­tie­ren, dass du ande­ren nicht egal bist!” Ich sage nichts dazu. Er hat recht.” (Zitat S.248) Es ist abso­lut bewe­gend zu lesen, wie sehr Tori schwankt zwi­schen der Annah­me von Freund­schaft und dem Zurück­sto­ßen von ande­ren Men­schen. Immer wie­der ver­letzt sie ande­re durch Wor­te, weiß es und kann trotz­dem nicht anders reagie­ren. All das mit zu ver­fol­gen ist sich unheim­lich ergrei­fend und lie­fert eine wirk­lich glaub­haf­te Cha­rak­ter­stu­die eines Mäd­chens, das erst ler­nen muss sich auf ande­re Men­schen tat­säch­lich ein­zu­las­sen.
Alice Oseman SolitaireAber auch Becky, ihre bes­te Freun­din, erkennt durch Tori im Gespräch mit einer ande­ren Klas­sen­ka­me­ra­din, dass eben­so Trau­rig­keit zum Leben dazu­ge­hört: “Viel­leicht will ich manch­mal ein­fach nur raus­las­sen, was ich wirk­lich füh­le, statt die­ses glück­li­che, lächeln­de Gesicht auf­set­zen zu müs­sen, das ich mir jeden ver­damm­ten Tag ins Gesicht kle­be, nur damit ich bei so blö­den Schlam­pen wie dir nicht lang­wei­lig rüber­kom­me.” (Zitat S. 337) Jedoch sind alle Gefüh­le wie Trau­rig­keit oder Wut gemein­sam immer bes­ser aus­zu­hal­ten, als allei­ne. Die­se Erfah­rung macht Tori am Ende des Buches. Sehr bewe­gend fand ich auch die Geschich­te von ihrem jün­ge­rem Bru­der Char­lie, der eine Krank­heits­pha­se hin­ter sich hat, zu der der Leser erst all­mäh­lich mehr Infor­ma­tio­nen erhält. Sein krank­heits­be­ding­tes Ver­hal­ten ver­langt Tori eini­ges ab und sorgt neben den Aktio­nen von “Soli­taire” für ziem­li­che Dra­ma­tik.
Den (fik­ti­ven) Blog von Tori kann man sich übri­gens wirk­lich anse­hen! Die Auto­rin gibt an, dass er die Haupt­per­son im Alter von 15 Jah­ren zeigt, also ein Jahr vor den Ereig­nis­sen von “Soli­taire”. Sehr inter­es­sant ist auch der (ech­te) Blog von Ali­ce Ose­mann. Er lie­fert jede Men­ge Hin­ter­grund­ma­te­ri­al zum Buch und über die mitt­ler­wei­le 20-Jäh­ri­ge selbst, die sich auch als Künst­le­rin ver­sucht. Eine Men­ge Fotos zei­gen die Auto­rin in unter­schied­li­chen Lebens­sta­di­en, ins Beson­de­re scheint sie ein Fai­ble dafür zu haben, sich in unter­schied­li­cher Klei­dung vor dem Spie­gel zu por­trä­tie­ren;-)

Zu “Soli­taire” gibt es meh­re­re Lese­al­ter­na­ti­ven. Zum einen hin­sicht­lich der Gefühls­la­ge der Prot­ago­nis­tin: So zieht sich die Haupt­per­son in “Schwar­ze Zeit” von Jana Frey eben­falls zurück und möch­te nir­gend­wo dazu­ge­hö­ren, weil sie die ande­ren als ober­fläch­lich emp­fin­det und sich unver­stan­den fühlt. Jedoch geht die­ser Roman im Gegen­satz zu “Soli­taire” noch wei­ter und führt zu einem Sui­zid­ver­such. LesealternativenLetz­te­res plant auch die 14-jäh­ri­ge Agnes in “Mein fan­tas­ti­sches Leben — von wegen!” von San­ne Søn­der­gaard, die wohl bes­te Alter­na­ti­ve zu dem hier rezen­sier­ten Roman, da Agnes ähn­lich sar­kas­tisch und pes­si­mis­tisch denkt wie Tori. Die ande­re The­ma­tik wäre die der unbe­kann­ten Gruppe/Einzelperson, die das gesell­schaft­li­che Den­ken durch gewis­se Aktio­nen völ­lig ver­än­dert bezie­hungs­wei­se Cha­os stif­tet: In dem abso­lut bewe­gen­den Roman Nur eine Lis­te” von Siob­han Vivi­an stellt eine anonym ver­fass­te Lis­te von den hüb­sches­ten und häss­lichs­ten Mäd­chen das Leben jener völ­lig auf den Kopf. Das The­ma Strei­che und Geheim­bund fin­det sich eben­so in “Die unrühm­li­che Geschich­te der Fran­kie Land­au-Banks” von E.Lockhart wie­der, wenn hier auch die Mit­glie­der des Geheim­bunds bereits zu Beginn bekannt sind und die Erzähl­art eher humor­vol­ler geprägt ist. Das The­ma Blog­gen fin­dest du in “Girl online” von Zoe Sugg ali­as Zoel­la (einer bekann­ten Video­blog­ge­rin), “Log out!” von Oli­ver Usch­mann und “Gegen die Angst. Regi­nes Blog” von Regi­ne Stokke (das reel­le Online-Tage­buch einer Leuk­ämie­kran­ken). Eine Freund­schafts­ge­schich­te mit all ihren Facet­ten fin­dest du in “Papier­flie­ger­wor­te” von Dawn O’Porter. Sich auf ande­re Men­schen wie­der ein­zu­las­sen, das lernt auch die Haupt­fi­gur inNur die­ser eine Som­mer” von Becky Citra. Auf der schmerz­haf­ten Suche nach Authen­ti­zi­tät befin­det sich eben­so der Prot­ago­nist in Aidan. Sün­de. Lüge. Lie­be. Mut” von Bren­dan Kie­ly, wel­ches ange­sichts der schwan­ken­den Emo­tio­na­li­tät eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu “Soli­taire” ist, wenn es auch ein ande­res Grund­the­ma hat (Miss­brauch).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-76119-2
Erscheinungsdatum: 21.August 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,95€
Seitenzahl: 368
Übersetzer: Anja Galic
Originaltitel: "Solitaire"
Originalverlag: Harper Teen

Amerikanisches Originalcover: 
Alice Oseman Solitaire











Amerikanischer Trailer:

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 

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Amerikanisches Cover: Homepage von Alice Oseman

 

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